Wie viel und was soll man mit Fohlen machen?
Auf meinen Blogbeitrag “Gedanken zum Thema: Einsatz von “scharfen” Ausbildungsgegenständen” bekam ich viele Reaktionen, für die ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken möchte. In einem von diesen Kommentaren fragte Susanne Folgendes:
Was mache ich z.B., wenn mein drei Monate altes Fohlen, das gerade lernen soll, auch mal von Mama weg aus dem Paddock geführt zu werden (dabei aber noch in ihrer Sichtweite) ohne erkennbare Anzeichen von Angst oder Unsicherheit, sondern dem Anschein nach eher ungehalten und ärgerlich, einfach nach ein paar Minuten anfängt an der Hand zu steigen? Wie soll ich dem entgegen wirken? Meine Stallbesitzerin – seit vielen Jahren Züchterin – rät mir dazu, sie bei Gelegenheit umzuschmeißen – wie wirke ich dieser womöglich beginnenden Unart entgegen ohne Zwang auszuüben?
Wichtige grundsätzliche Fragen
Diese Frage wirft für mich verschiedene Aspekte auf, über die ich mir als Besitzer eines Fohlens Gedanken machen muss:
- Ist es sinnvoll und richtig, ein drei Monate altes Fohlen von der Mutter wegführen zu wollen?
- Wie viel sollte man generell mit Fohlen tun?
- Was sollen/müssen Fohlen in ihren ersten Lebensmonaten lernen?
- Welche Maßnahmen sind dafür geeignet?
An dieser Stelle eine Anleitung über den Umgang mit Fohlen zu schreiben, würde den Rahmen sprengen, aber einige Gedanken und eigene Erfahrungen möchte ich in diesem und in folgenden Blogbeiträgen niederschreiben und auch Susanne eine Antwort auf ihre Frage geben.
Meine kleine Friesenzucht
Ich hatte zu Beginn meiner Zeit auf meinem Hof in kleinem Rahmen Friesen gezüchtet. Ich habe also selbst einige Fohlen gezogen und sie die erste Zeit ihres Lebens begleitet. So musste ich mich zwangsläufig mit den obigen Fragen auseinandersetzen.
Mein Idealbild eines Fohlenlebens
Mein Idealbild einer Pferdekindheit sieht so aus, dass ein Fohlen bis mindestens zum dritten Lebensjahr auf endlos großen Weiden inmitten einer ausgewogenen Herde in Gesellschaft mit anderen Fohlen seine Kindheit genießen darf, ohne dass der Mensch in diese Idylle eingreift und ohne dass das Fohlen negative Erfahrungen mit uns Zweibeiner machen muss. Soweit zum Idealbild …
Die Realität sieht aber, zumindest hierzulande, anders aus. In der Realität gibt es Fohlenschauen, Termine beim Tierarzt und Hufschmied und viele andere Gelegenheiten und Gründe, bei denen das Fohlen auf uns Menschen trifft, und es sich nicht vermeiden lässt, dass das Fohlen von Menschen angefasst wird und seine Erfahrungen mit uns macht.
Auch ich habe meine Fohlen auf Zuchtschauen vorgestellt und sie regelmäßig vom Tierarzt und Hufschmied behandeln lassen. So war es mir wichtig, dass ich meinen Babys schon ein paar Dinge beibrachte, u.a. sich am Halfter führen zu lassen, die Hufe zu geben und dass sie mit dem Menschen soweit vertraut sind, dass ich keine Zwangsmaßnahmen anwenden musste, wenn z.B. der Tierarzt für eine Impfung kam.
Ich vertrete die Meinung, dass wenn sich der Kontakt zu uns Menschen schon nicht vermeiden lässt und wir das Fohlen für bestimmte Dinge händeln müssen, dann sollen diese Erfahrungen zumindest nicht traumatisch, am besten sogar so positiv wie möglich sein.
Eine Gratwanderung
Ich habe schon beide Extreme erlebt: Die einen bereiten ein Jungpferd auf nichts vor, lassen es komplett in Ruhe und wenn dann ein Termin wie z.B. der Besuch beim Hufschmied oder das Brennen ansteht, ist das Fohlen extrem gestresst, überfordert und die Termine werden für das Pferd zum negativen Erlebnis. Meistens muss dann zu Zwangsmaßnahmen gegriffen werden und wenn man ein sensibles Seelchen erwischt hat, kann das Trauma nach so einem Termin tief verankert sein. Die anderen machen viel zu viel mit ihrem Jungtier, verhätscheln es und verderben dem Pferd die Jugendzeit, indem sie mit ihrem Jährling schon Natural Horsemanship Training machen, es longieren, freispringen lassen oder ein Fohlen von sechs Monaten schon ohne die Mutter alleine auf Spaziergänge mitnehmen.
Für mich gilt es hier den goldenen Mittelweg zu finden.
So wenig wie möglich – so viel wie nötig
Ich habe es mit meinen Fohlen so gehandhabt, dass ich sie schon in den ersten Lebenstagen an meine Gegenwart und auch an Berührungen von mir gewöhnt habe. Ich habe mich in den Auslauf zu Mutter und Kind gesetzt und da Fohlen von Natur aus neugierige Wesen sind, haben sie recht bald meine Nähe akzeptiert und sich von mir anfassen und streicheln lassen. So habe ich ein paar Tage immer mal wieder etwas Zeit mit ihnen verbracht, nur damit sie mich kennen lernen. Die Kleinen hatten sehr bald ihre Scheu verloren und akzeptierten mich als Popo- und Halskratzer. Ich habe sie ebenso relativ früh an ein Halfter gewöhnt und mit ihnen das Führen an der Seite ihrer Mutter geübt. Auch gewöhnte ich sie an das Abstreichen der Beine und das Anheben der Hufe.
Meine Übungszeiten waren immer nur kurz, also wirklich nur wenige Minuten. Ich verzichtete dabei, so weit es möglich war, auf Anwendung von Druck, Zwang und Strafe, achtete aber gleichzeitig sehr darauf, dass die Fohlen von Anfang an verstanden, dass ich kein Spielkumpel bin, den man ansteigen und anfressen darf. Wurden die kleinen Racker zu wild, gab es ein streng gesprochenes “Nein” und ein “Time out”.
Das Fohlen ABC
Mein persönliches Fohlen ABC bestand aus diesen Punkten:
- Gewöhnung an ein Halfter
- Führen neben der Mutter
- sich überall anfassen zu lassen
- Hufe zu geben
Mehr ist in meinen Augen, zumindest im ersten Jahr, nicht nötig. Allerdings finde ich es nicht verkehrt, wenn die Kleinen freilaufend neben der Mutter schon einiges anschauen und erleben können. Sei es das Aufbrennen eines Hufeisens, das Rein und Raus aus einem Pferdeanhänger oder auch kurze Ausflüge ins Gelände.
Vermeidung von Überforderung
Meine Kleinen lernten das oben stehende Programm allesamt recht schnell und stressfrei. Ich achtete bei allem, was ich geübt habe, darauf nichts zu verlangen, was die Fohlen in Abwehr und Stress und damit in Widersetzlichkeit bringen würde. So wurde alles immer im engen Kontakt zur Mutter geübt. Wenn ich also Führtraining gemacht habe, dann hinter der Mutter oder neben ihr her, aber nicht von dieser weg.
Wenn das Fohlen steigt
Ja, auch meine Fohlen hatten ab und an die Idee, eigene Wege gehen zu wollen und versuchten, sich schon mal mittels Steigen zu befreien. Ich habe dann darauf geachtet, dass ich seitlich am Fohlen blieb und nicht getreten wurde. Dabei blieb ich freundlich und wartete, dass mein Fohlen sich wieder beruhigt, was auch immer schnell der Fall war. Darauf wurden sie sehr gelobt und gekrault. Bei keinem meiner Fohlen hat sich ein Problem daraus entwickelt. Keines lernte dabei, dass Steigen eine lohnende Angelegenheit sei und schnell war das Thema Steigen gegessen.
Ein absolutes No Go!
Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, ein steigendes Fohlen umzuschmeißen könnte eine gute Idee sein! Diesen Ratschlag finde ich wirklich sehr schlimm! Bitte, machen Sie das auf gar keinen Fall! Dieser “Ratschlag” ist in meinen Augen an Verantwortungslosigkeit und Grobheit kaum zu übertreffen. Soll so die Basis für eine vertrauensvolle gemeinsame Zukunft in der Parnerschaft Mensch und Tier gelegt werden?
Ich finde das einfach nur traurig und bin entsetzt darüber, das solche Ratschläge von Pferdemenschen gegeben werden.
Glauben Sie mir: Es geht auch anders!
Aus meiner eigenen Erfahrung heraus würde meine Antwort auf Susannes Frage lauten:
Übe das Führen die nächste Zeit noch nicht von der Mutter weg. Warte damit noch einige Wochen und gehe dann so kleinschrittig vor, dass Dein Fohlen nicht so großen Stress bekommt, dass es widersetzlich wird. Gehe erst mal nur drei Schritte und drehe dann gleich wieder um, so dass Dein Fohlen die Erfahrung macht, dass es gleich wieder zurück zu Mutti geht. Wenn Dein Fohlen steigt, pass gut auf, dass Du nicht unter die Hufe gerätst. Ansonsten ignoriere das Verhalten. Bleibe ruhig und lobe jeden richtigen Ansatz des Fohlens, bei dem es lieb bei Dir bleibt. Mache nur kurze Übungseinheiten. Achte darauf, Deine Anforderungen nicht zu hoch zu setzen und das Fohlen nicht zu überfordern. Dein Fohlen wird sich daran gewöhnen und sich mit der Zeit immer mehr trauen, von der Mutter weg zu gehen. Wie lange es dazu braucht, entscheidet ganz alleine das Fohlen. Höre bitte nicht auf Ratschläge, die auf Unterwerfung und Gewalt abzielen, wenn Du Dein Ziel ist, eine Vertrauensbasis mit Deinem Fohlen aufzubauen.
Im nächsten Blog werde ich Ihnen zeigen, wie ich mit meinen Fohlen das Führen geübt habe.
11. Oktober 2011 von Babette Teschen • Kategorie: Umgang • 11 Kommentare »



