Pferde können das ab?

Land auf, Land ab dasselbe Bild: Peitschen werden geschwungen, Gerten zecken, Zügel reißen, Sporen stechen – immer wieder kommen wir an Punkte oder in Situationen, die uns an unsere Grenzen bringen und uns Gewalt anwenden lassen.

Dabei ist eines auffällig: nämlich wie vielen von uns – so sehr wir unsere Pferde auch lieben – das doch ziemlich leicht fällt. Ein gewisser Einsatz von Kraft und Zwangsmaßnahmen im Umgang mit Pferden scheint eben “einfach dazu zu gehören”. Die meisten von uns dürften z.B. damit aufgewachsen sein, denn schon die Kleinsten bekommen ja meist als erstes eine Gerte in die Hand, “um dem Pony zu zeigen, wer das Sagen hat”…

Wenn man Gewaltanwendung bei Pferden mal kritisch anspricht, hört man oft so etwas wie: „Pferde können das ab, sie gehen ja miteinander auch nicht zimperlich um“.

Klar! 3-jährige Kinder prügeln sich auch fürchterlich. Bedeutet das aber, wir dürfen 3- jährige Kinder prügeln?

Lassen Sie uns noch einmal genauer hinschauen, denn es ist schon auffällig, wie oft man erlebten kann, dass sich ein Pferd wegen eines Ungehorsams so richtig eine fängt und dass die Umwelt das vollkommen in Ordnung findet.

Ein Beispiel: Ein Pferd zieht am Strick weil es zum Gras will. Oft kann man dann beobachten wie das Pferd deutlich die Gerte zu spüren bekommt und die umstehenden Beobachter nicht mit der Wimper zucken.

Stellen Sie sich nun bitte die Situation vor: Sie beobachten jemanden mit einem Hund an der Leine. Der Hund zieht und der Besitzer zieht den Hund mit aller Macht einen mit der Gerte über. Der Hund winselt und schreit. Was fühlen Sie? Würden Sie das Verhalten des Hundebesitzers als angemessen tolerieren? Oder hätten Sie nicht eher Mitleid mit dem Tier und würden den Hundebesitzer für sein Verhalten verurteilen?

Worin besteht der Unterschied, wenn wir so mit einem Pferd umgehen? Gibt uns die Größe des Tieres das Recht dazu? Seine Kraft? Oder ist es tolerierbar, weil das Pferd ja nicht schreit und winselt? Empfindet das Pferd deshalb weniger Schmerz?

Was ist bei all dem mit Respekt gegenüber dem Lebewesen – gilt das für Pferde weniger als für andere Tiere?

Was steckt hinter der Leichtfertigkeit, mit der Gewalt bei Pferden angewandt wird? Tun wir es, weil wir es können? Weil wir Angst haben? Weil wir glauben, es wäre richtig? Weil andere uns sagen, wir sollen es tun?

Wie viel Gewalt ist erlaubt und richtig? Welche Situationen rechtfertigen wirklich einen Einsatz von Gewalt?

Und gibt es nicht auch Alternativen?

Ich denke, es ist Zeit, sich mal Gedanken über das Thema “Gewalt” zu machen, meinen Sie nicht?

19. Juni 2008 von Babette Teschen • Kategorie: Umgang 5 Kommentare »

 

5 Reaktionen zu “Pferde können das ab?”

 

Von Iris • 19. Juni 2008

Liebe Babette,

dass Menschen mit Pferden gewaltsam umgehen, hat meiner Meinung nach nur einen einzigen Grund: Pferde leiden stumm! Würden sie sich nur ansatzweise wie ein Hund mit Winseln oder Jaulen bemerkbar machen können, wäre es mit Sicherheit mit der Reiterei weitestgehend vorbei. Oder aber die Reiterei wäre weniger gewaltsam, weil es ja doch unangenehm wäre, wenn die gequälten Tiere auf den Reitplätzen laut vor sich hinstöhnen würden (ich tendiere aber doch eher zu ersterem).

Das Argument, dass Pferde untereinander auch nicht zimperlich miteinander umgehen, ist meines Erachtens keins. Wenn ein Pferd ein anderes tritt, so ist das keine Gewalt im menschlichen Sinne, sondern eine innerartliche Zurechtweisung, bei der das getretene Pferd genau weiß, wofür es sie erhält. Da der Mensch nun aber weder körperlich noch von der Reaktionsschnelligkeit her in der Lage ist, ein Pferd nach Pferdeart zurechtzuweisen, bedient er sich diverser Hilfsmittel wie Gerte, Sporen, Zwangsmitteln. Das Pferd wiederum kann aber die menschliche Gewalt überhaupt nicht verstehen, zumal sie meist in Situationen erfolgt, die für das Pferd kein Fehlverhalten seinerseits darstellen.

Daher bin ich der Meinung, dass Gewalt im Umgang mit Pferden (wie übrigens überhaupt mit allen Tieren und Menschen) absolut nichts zu suchen hat, weil sie einfach kontraproduktiv ist. Gewalt demütigt und erniedrigt, wie soll aus so einer Geisteshaltung dann noch Lernfreude und -willen und Vertrauen entstehen? Es gibt schon längst andere Methoden, mit Pferden umzugehen (man sehe sich hier auf Eurer tollen Seite um!!!), sie sind nur noch nicht bis überall hin vorgedrungen. Aggression ist nun mal leider ein menschlicher Wesenszug, niemand ist frei davon. Aber es ist unbedingt nötig, daran zu arbeiten, diesen Wesenszug zu kontrollieren, und zwar immer und überall.

Liebe Grüße,

Iris
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Liebe Iris,
Du schreibst mir aus dem Herzen! Und ja, es ist eine Tatsache, dass wir alle mehr oder weniger starke Aggressionen in uns tragen. Aber wir alle tragen auch viel Weichheit, Nachsichtigkeit, Verständnis und Liebe in uns und es ist unsere freie Entscheidung, welche Anteile von uns wir wie ausleben, oder? In unserer Welt lernen wir für meinen Geschmack zu oft, unsere Ellenbogen einzusetzen, beim Pferd sogar im wahrsten Sinne des Wortes…
Alles Liebe, Babette

 

Von Therese • 20. Juni 2008

Liebe Babette,
Gewalt bei Pferden ist ein Thema, über das ich mir in letzter Zeit häufig gedanken gemacht habe. Das liegt daran, dass vor ca. 1 1/2 Jahren mein Pflegepferd gestorben ist und ich keine Zeit für ein neues hatte. Deshalb habe ich angefangen Theoretisch weiter zu machen. Ich habe viel über alle möglichen Arten des reitens im Internet gelesen (so bin ich auch auf diese Seite gestoßen)und das hat mir die Augen geöffnet! Ich habe zum ersten Mal gemerkt, wie ich seit meiner Kindheit mit Pferden umgegangen bin. Natürlich, ich wusste es nicht besser, da es mir so beigebracht wurde und alle anderen haben es schließlich nicht anders gemacht. Ich dachte immer, ich sei eine “pferdefreuntliche” reiterin, weil ich auch mit Halsring geritten, einfach am Halfter spazieren gegangen bin, oder einfach nur mein Pferd massiert habe (Ich hab schließlich jedes meiner Pferde innig geliebt). Alles schön und gut, aber um reiterlich weiter zu kommen, habe ich mein Pferd mit Ausbindern in eine unangenehme Haltung gezwungen, und ihr manchmal auch mit der Gerte gezeigt, wer der CHEF war. Ich habe es zwar immer nur einen “Klaps” genannt, aber sicherlich macht es das nicht besser. Mich plagt manchmal ein schlechtes Gewissen, weil mir erst jetzt klar geworden ist, wie ich mein Stütchen in manchen Situationen behandelt habe. Und trotzdem: Sie hat es mir nie übel genommen! Sie hat mich immer freudig erwartet um zu schmusen und die Zeit mit mir zu verbringen. Das macht mir im Nachhinein nur ein noch schlimmeres schlechtes Gewissen. Aber jetzt habe ich es eingesehen und werde mein bestes tun um nicht dieselben Fehler noch einmal zu machen!

 

Von Therese • 20. Juni 2008

Und übrigens finde ich es wichtig, ein gutes Vorbild zu sein und gerade junge Mädchen darauf aufmerksam zu machen, das es nicht NORMAL ist, ein Pferd zu schlagen. Das ist besser, als sich nur hinter dem Rücken anderer aufzuregen, ohne zu zeigen, wie es auch geht!
_____________________________________

Liebe Therese,
das was Du berichtest macht traurig und nachdenklich. Und ich glaube wie Du, dass es der bessere Weg ist pferdefreundliche Alternativen vorzuleben, statt andere zu verurteilen.
Liebe Grüße, Babette

 

Von Inez Emperle • 23. Juni 2008

hallo,
ich bin auf Immenhof groß geworden, und ca 20 Jahre dort geritten… Bei uns war immer “heile Welt”, jedes Pony, und jedes Pferd hatte ein Recht auf artgerechte Haltung, artgerechten Umgang…
Wir wurden zu der Zeit von anderen Ställen insbesondere Turnierreitern belächelt, weil wir auch mal ein paar stunden an der weide, oder am paddock saßen um einfach nur diese wunderbaren Vierbeiner zu beobachten, ob es etwas neues gab. Hat ein Pferd mit einem anderen Stress, haben sich vielleicht Freundschaften gefunden, sodass man die Boxen anders verteilen sollte. Oder wir haben einfach nur geschaut und gelernt wie sie untereinander komunizieren, mit fein abgestimmter, für den Menschen kaum sichtbarer Mimik und Gestik. Brigitte hat uns damals schon gelehrt dass ein Pferd für alles was es tut einen Grund hat, es eine Erklärung gibt. Ein pferd schlägt nicht ohne Grund mit der Hinterhand nach einem anderen aus! Es geht um Rangordnung, Sozialverhalten, Überleben. Denn nur in einer Herde sind Sie stark und sicher. Es ging schließlich ums Überleben.
Pferde warnen immer vorher, wenn man sie beobachtet, kann man es sehen.
Einige warnen vielleicht öfter als andere, und somit sichtbarer für den Menschen. Die, die für uns “unscheinbarer” warnen, bzw Zeichen durch Mimik, Körperhaltung geben, die wir nicht bemerken oder nicht erkennen, die schlagen für diese Menschen sicherlich “ohne Grund und Vorwarnung” aus, und werden als zickig, agressiv, und unberechenbar abgestempelt und somit werden Ihnen “launen und Co” unterstellt.
Mein Mino hatte früher oft Stresskolik, da er ja nunmal nicht “AUA” sagen kann lag es an unserer Beobachtungsgabe zu beurteilen oder festzustellen dass er schmerzen hat.
Bei ihm äußern sich schmerzen, wenn sie nicht allzu stark sind auch mal nur dadurch,dass er seine Nüstern angespannt hat oder sich über der augenpartie zwei, drei “schmerzfalten” bilden die sonst nicht da sind. Wenn man gerittene Pferde genau beobachtet kann man bei vielen viel deutlichere Signale von Schmerzen entdecken!
Viele kennen Kolikanzeichen:
unruhiges Pferd, Ohren halb hinten (nach dem Schmerz hörend), Schweifschlagen, treten richtung Bauch, sich fallen lassen und wälzen wollen, bei einigen bocken…
Jeder sollte sich mal unsere Turnierreiter in hohen Dressurprüfungen ansehen, beobachten und bitte dabei den Ton ausstellen!
Na, was gefunden? Natürlich sieht man es in jeder Sparte, in jeder Klasse…
Auf Turnieren sind die Richter für artgerechtes, harmonisches Reiten und den Umgang zuständig. Viel mehr Menschen würden sich vielleicht mal gedanken machen wenn Richter besser aussortieren würden.
Dass zB Pferde mit blutigen Sporenlöchern, gertenstriemen auf der Hinterhend, oder aufgerollte Hälse, springer mit Schlaufzügeln von vornherein gar nicht erst zur Prüfung zugelassen werden. Denn theoretisch überwacht immer ein Richter den Abreiteplatz.
Ich habe mal eine junge Frau gebeten abzusteigen und die Halle zu verlassen, nachdem ich mir mit ansehen mußte, wie sie ihr Pferd mit der Gerte traktiert hat. Ihr Pferd sollte Schulterherein gehen, tat es aber nur schwankend bis garnicht…
-aufgrund Ihrer unruhigen und schwammigen Hilfen hat er sie nicht verstanden.
Ich wurde natürlich angzickt ich hätte mich nicht einzumischen, es sei schließlich ihr pferd, mit dem sie machen könnte was sie wollte.
Ich schlug ihr dann vor, für jeden Sitzfehler, jede falsche Handlung von ihr die sie macht, sie mit der gerte einmal auf den rücken zu schlagen…
das klingt nicht grade menschlich, aber pferdisch ist es auch nicht! ich stieg von meinem pferd ab und verließ die halle, weil ich mir das nicht weiter ansehen konnte.
es gab noch ein gespräch mit der reitlehrerin, die das spektakel mitbekommen hatte, wo sie zum unterricht verdonnert wurde oder den stall verlassen sollte.

ich hoffe ich hab nicht allzu durcheinander geschrieben, dieses thema treibt mich einfach zur weissglut!
ich hoffe, dass jeder dem etwas nicht ganz geheuer im umgang mit Tieren vorkommt nachfragt, nachhakt und sich bemerkbar macht.
es gibt ein tierschutzgesetz welches viel zu oft gebrochen wird, nur die meisten kennen den Inhalt nicht…
_________________________________________
Liebe Inez,
ich kann die Gefühle, die aus Deinen Zeilen sprechen, so gut verstehen. Auch ich werde oft sehr traurig,wütend und fühle mich ohnmächtig. Erfolg hat, wer Spektakuläres zeigt. Ob es dem Pferd dabei gut geht, ist zweitrangig. Ja, die Richter müssten ihre Prioritäten anders setzen! Und in meinen Augen dürfte Geld keine Rolle spielen. Pferde sind keine Sportgeräte! Sie sind sensible Lebewesen, die einen respektvollen, gewaltlosen Umgang verdient haben.
Trauriger Gruß, Babette

 

Von Carola Schlanhof • 5. Juli 2008

Hi Babette,

einerseits hat Gewalt Tradition in der Pferde- (und auch Hunde-)ausbildung. Andererseits weiß Mensch oft keine andere Alternative – was nicht bedeutet, daß es keine gibt.
Ist vermutlich so ähnlich wie wenn du einen rausstehenden Nagel im Stall entdeckst. Du hast keinen Hammer mit (oder besitzt gar keinen oder weißt noch nicht mal, daß es sowas gibt.) Also nimmst du einen Stein und klopfst den Nagel um. Funktioniert mehr oder weniger gut und schnell. Bei dicken Nägeln und hartem Holz eher weniger gut.
Alternativ gehst du nach Hause und holst passendes Werkzeug, um professioneller und rascher vorgehen zu können, oder du rufst einen Handwerker.
Wenn sowas öfter vorkommt, hast du den Hammer und auch eine Zange vielleicht schon in Stallnähe eingelagert.

Auch für den Umgang mit Pferden kann Mensch sich einen >WerkzeugkofferHeimwerkerkursGeneralsanierung<, sprich die unkontrollierbaren Situationen meiden und langsam umtrainieren. Bzw. sich damit abfinden, daß das Problem mangels Verständnis der anderen Menschen, die Verfügungsgewalt an den entsprechenden Tieren haben, unlösbar ist und seiner Wege gehen und sich ein anderes Umfeld suchen.
Heutzutage habe ich für (fast) jedes Problem einen Ansatz zur gewaltfreien Lösung. Und zwar eine Lösung, für die Mensch kein Profi sein muß, einfach indem ich das Problem nur in ausreichend kleine Schritte zerlege, um daran arbeiten zu können und mit positiver Bestärkung die Motivation (von Pferd und mir) erhalte.

Ich denke, wichtig ist, daß die Menschen sehen (also vorgelebt bekommen), daß Reiten und Umgang mit Pferden auch weitestgehend gewaltfrei funktioniert. Mir hilft der Austausch mit Gleichgesinnten ungemein und hält mich bei der Lösungssuche bei der Stange (bin ja auch nur ein Mensch, und gaaannnzzz selten will ich meine Pferde auch mal faschieren – wie z. B. wenn Pferd es mal wieder für notwendig gehalten hat, einen Zaun umzulegen…)

Ach ja, sollte sich mein Pferd mal mitten auf einer Straße bei entgegenkommendem LKW einfach einparken, würde ich vermutlich keine Hemmungen haben, ihm das nächste erreichbare Teil überzuziehen, um uns davor zu retten, überfahren zu werden.

Viele Grüße

Carola
_______________________________________________
Liebe Carola,
wer würde das nicht? Und wer würde Dir in einem solchen Fall vorwerfen, Du hättest Deinem Pferd Unrecht/Gewalt angetan?
Ich finde Deine Einstellung sehr gesund und nachahmenswert,
alles Liebe, Babette

 

 

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