Was guten Reitunterricht ausmacht – ein Gespräch
Beim Reitunterricht kommen immer mindestens drei verschiedene Individuen zusammen – Reitlehrer/in, Pferdebesitzer/in und das Pferd. Nicht immer gelingt die Kommunikation reibungslos. Wir versuchen hier einmal in einem Gespräch herauszufinden, wo die Knackpunkte im Miteinander sein können und wie nicht nur die Kommunikation verbessert werden kann, sondern vor allem auch das Lernen.
Babette: Ich komme zu unserer ersten Unterrichtsstunde… Welche Erwartungen und Wünsche hast du?
Tania: Das Wichtigste ist für mich, dass ich mit dem gesehen werde, was ich mitbringe, damit ich da abgeholt werden kann, wo ich stehe. Sprich: ich möchte keinen Standard-Unterricht, sondern er soll auf mich und meine Situation zugeschnitten sein. Mir nützen die tollsten Konzepte und Übungen nichts, wenn ich nicht das Gefühl habe, dass sie wirklich etwas mit mir zu tun haben. Ich würde mir also wünschen, dass ich eingeladen werde, ein bisschen was von mir zu erzählen und dass erst einmal geschaut wird, wie ich reite und wo ich stehe. Daraus würde ich dann gerne eine kleine Standortbestimmung aus Sicht der/des Reitlehrers/in haben. Ich möchte wissen, was schon ganz gut läuft, was zu verbessern ist und woran wir als erstes arbeiten wollen. Auf diese Weise kann ich entscheiden, ob der vorgeschlagene Weg Sinn für mich macht.
Wenn ich das so lese, was ich hier schreibe, wird mir wieder einmal klar, dass ich wohl eine ziemlich anspruchsvolle Schülerin bin. Was bedeutet das für deine Arbeit, wenn jemand ziemlich konkrete eigene Vorstellungen mitbringt?
Babette: Für mich ist es wichtig zu wissen, was mein Schüler von mir erwartet und ob wir unsere Prioritäten im Unterricht auf gleiche Ebene legen können. Von daher finde ich dieses auch von dir erhoffte Eingangsgespräch sehr wichtig. Ich finde es gut wenn meine Schüler konkrete Vorstellungen von mir und meinen Unterricht haben, denn so können wir schnell herausfinden ob wir zueinander passen.
Ich hole jeden Schüler gerne an dem Punkt ab wo er steht, doch erwarte ich von meinem Schüler, dass er das Wohl und die Gesundheit seines Pferdes über seinen Wunsch nach Erfolg und Leistung stellt und das er bereit ist, seinen Pferd Lektionen wie ein geduldiger Lehrer zu erklären und nicht versucht über grobe Hilfen zu „erzwingen“. Ich erwarte von meinen Schülern, dass sie bereit sind ihr Verhalten jederzeit kritisch zu hinterfragen und dass sie bereit sind, auch an ihrer inneren Entwicklung zu arbeiten. Dazu gehört für mich auch, dass ich von meinen Schülern erwarte, dass sie sich mit der Anatomie und Biomechanik des Pferdes auseinander setzen. Findest du, dass ich da zu viel erwarte?
Tania: Du erwartest viel, ja, das stimmt. Zu viel? Ich würde sagen, nein, denn sollten wir uns nicht alle wirklich mit dem Wesen befassen, das wir uns da angeschafft haben? Ob es jedoch realistisch ist, das auch wirklich vorzufinden, lasse ich mal offen. Es ist zumindest eine erfreuliche Entwicklung, dass man sich als Reiter/in mit Zeitschriften, Büchern und auch im Internet einiges an Wissen anlesen kann – ich muss sagen, dass ich noch vor einigen Jahren sehr wenig Ahnung von Anatomie, Biomechanik u.ä. hatte. Aber hier kann ja gerade ein guter Unterricht viele, wertvolle Impulse geben.
Zuvor hast du geschrieben, dass es darum geht, herausfinden, ob man zueinander passt – DAS finde ich einen ganz wichtigen Punkt. Hier denke ich allerdings, dass Lehrer/innen in einer etwas schwierigeren Situation sind, denn Ihr lebt ja von dem, was Ihr tut – sprich: Ihr braucht Schüler. Wie sehr beeinflusst eigentlich der Aspekt des Geldverdienen-müssens die Frage, ob du jemanden wirklich unterrichten willst oder nicht?
Babette: Natürlich muss auch ich da so manchen Kompromiss machen und trenne mich nicht wegen kleinerer Meinungsverschiedenheiten von einem Schüler. Doch gibt es ganz klar Grenzen.
Ein Beispiel aus der Vergangenheit: Ich habe einer Frau auf ihrem ehemals M-Dressur platzierten Warmblüter Unterricht gegeben. Dieses Pferd litt an massiven Rückenproblemen. Es wurde regelmäßig vom Chiropraktiker behandelt, hatte einen sündhaft teuren Maßsattel, eine Gelpadunterlage, also alles vom Feinsten. Dennoch lief das Pferd unter der Reiterin mit durchgedrückten, verspannten Rücken. Die Reiterin ritt das Pferd mit sehr fest geschnürten Nasenriemen und ständig „in Haltung“. Ich nahm mir viel Zeit der Reiterin zu erklären, wie wichtig es in meinen Augen ist, ihr Pferd erst dazu zu bringen sich unter ihr loszulassen und es in Dehnungshaltung zu reiten. Ich erklärte ihr ausführlich muskuläre und biomechanische Zusammenhänge. Ich erklärte ihr, wie schmerzhaft und luftabschnürend der enge Nasenriemen für ihr Pferd sei. Ich erklärte ihr den Zusammenhang zwischen einem verspannten Kiefergelenk, was zu einem verspannten Genick und dadurch zu einem festgehaltenen Rücken führe. Jedes Mal wenn ich wieder zum Unterricht kam, war der Nasenriemen wieder genauso fest und schon beim Aufwärmen ging es nur darum, die Nase des Pferdes irgendwie „runter“ zu bekommen. Das Argument der Reiterin: „Mein Sohn möchte nicht, dass das Pferd so alternativ gearbeitet wird…“. Daraufhin habe ich diesen Unterricht, trotz leerer Kasse, aufgegeben. Für das Pferd tat es mir unendlich leid. Er ist übrigens nicht alt geworden.
Tania: Wie traurig. Wie kannst du denn eigentlich überhaupt erreichen, dass die Schüler bereit sind, sich zu hinterfragen? Dazu ist ja nicht jeder sofort bereit.
Babette: Ich versuche über den Weg zu gehen, dass der Reiter lernt, sich in sein Pferd einzufühlen. Ich erkläre ihm die Probleme und Reaktionen seines Pferdes, so dass er es besser verstehen kann. Oftmals erlebe ich z.B., dass ein Reiter es als Ungehorsam oder Sturheit interpretiert wenn sein Pferd immer wieder gegen den äußeren Zügel geht. Aber kein Pferd macht das um seinen Reiter zu ärgern! Ein solches Pferd hat schlicht und einfach noch nicht gelernt, seine Balance zu halten. Es hat Probleme mit seiner Händigkeit und Schiefe. Statt nun dem Pferd durch immer stärkeren Einsatz von Zügelhilfen und mit starkem äußeren Schenkel (vielleicht noch unterstützt von einem pieksenden Sporen…) noch mehr Unbehagen und Stress zu bereiten, versuche ich meinem Schüler das Unvermögen seines Pferdes zu erklären und ihn zum Nachdenken anzuregen, mit welchen Lektionen er sein Pferd von der äußeren Schulter wegbringen kann (z.B. Volten erst in Konterstellung zu reiten und dann zu gucken ob das Pferd in der Volte in Innenstellung in Balance bleiben kann) und welche Schritte sinnvoll sind um dem Pferd langfristig zu helfen eine bessere Balance zu finden (z.B. durch die Arbeit nach dem Longenkurs und/oder der Dualaktivierung nach Michael Geitner o.ä.).
In meinem Unterricht hört der Schüler oftmals von mir Sätze wie: „Wenn ich dir jede Sekunde in die Seite boxe, wie lange reagierst du darauf und in welche Stimmung würde es dich bringen?“, oder „Stell dir vor du bist in der Tanzschule. Wie würde es dir leichter fallen einen komplexen, neuen Tanzschritt zu verstehen: wenn dich dein Tanzpartner in hohem Tempo rumwirbelt oder wenn er dir die Schritte langsam Stück für Stück in kleinen Einzelhäppchen erklärt und Ihr dann gemeinsam am Zusammensetzen und Flüssiger-werden arbeitet?“
Wenn es mir gelingt, passende Vergleichsbilder und Argumente zu liefern, nehmen meine Schüler meine Anregungen in der Regel gut an.
Tania: Den Ansatz, über das Pferd zu gehen, finde ich sehr gut, denn letztlich sollte es ja genau darum gehen: Wie kann ich so reiten, dass es für das Pferd angenehm ist. Nun gibt es ja aber sehr unterschiedliche Ansichten darüber, was für ein Pferd wirklich gut ist und was nicht, da kann einem schon manchmal der Kopf schwirren.
Ich kenne es von mir selbst, dass es nicht immer einfach ist, Neues anzunehmen. Ich reite z.B. nun schon ein ganzes Weilchen, ich lese viel und schaue mir, wann immer möglich, Seminare „der Großen“ an. Da bilden sich natürlich eine ganze Reihe eigene Überzeugungen. Bei manchen Ausbildern habe ich das Gefühl, dass sie erwarten, dass ich all das über den Haufen werfe und mich ihnen und mich nun mit Haut und Haaren ihrem Ansatz verschreibe. Das löst in mir einen ziemlichen Ärger aus. Kannst du mir vielleicht aus deiner Sicht die Beweggründe dazu beschreiben? Ich verstehe ja, dass ein gewisses Grundvertrauen von Schülerseite nötig ist, aber Vertrauen muss doch erst wachsen und kann nicht einfach vorausgesetzt werden, oder?
Babette: Da hast Du sicher Recht. Vertrauen muss wachsen. Dennoch erwarte ich von meinen Schülern eine Grundbereitschaft, sich auf das Einzulassen was ich vorschlage.
Allerdings muss bei mir keiner meine Anweisungen fraglos hinnehmen und ausführen. Ich versuche meinen Schülern den Sinn meiner Ansatzweise verständlich zu machen, also mit guten Argumente und Erklärungen zu überzeugen, warum ich jetzt diese Lektion so und nicht Anders einbauen möchte, warum ich dieses Tempo zurzeit optimal finde oder warum ich etwas Bestimmtes in meinem Unterricht nicht möchte (wie z.B. ein zu eng geschnürter Nasenriemen). Wenn unsere Vorstellungen zu stark voneinander abweichen, bin ich wahrscheinlich nicht der passende Lehrer für diesen Schüler.
Und nun Sie: Was sind Ihre Gedanken und Erfahrungen zu diesem Thema? Was macht guten Reitunterricht für Sie aus? Was mögen Sie gar nicht? Wir freuen uns über Ihre Beiträge!
10. Juli 2008 von Babette Teschen • Kategorie: Aus dem Reitunterricht • 7 Kommentare »


