Angst macht doof

Heute möchte ich eine kleine Geschichte von unserer Hündin erzählen, durch die mir nämlich etwas klar wurde, das auch für den Umgang mit meinen Pferden wichtig ist.

Und zwar zeigte unsere Hündin letzte Woche eines Nachmittags Angst. Wir konnten ihr Verhalten nicht zuordnen, es musste etwas im Garten vorgefallen sein, was wir nicht mitbekommen hatten, jedenfalls verkroch sie sich mit eingekniffenen Schwanz und war richtig durch den Wind.

Um sie etwas abzulenken, holten wir eines ihrer Spiele. Es ist ein kleines Intelligenz- und Suchspiel und als Beagle ist sie für alles, was mit der Nase zu tun hat, immer empfänglich. Bei diesem Spiel werden Kekse unter ausgehöhlte Holzstücke versteckt und der Hund muss sie erschnüffeln und dann den Kegel anheben, um an den Keks zu kommen.

Wir bauten das Spiel also auf und sie kam auch an, schnüffelte etwas, aber war nicht in der Lage, das Spiel zu lösen. Normalerweise geht sie da vollkommen zielgerichtet vor und hebt zuverlässig erst nur die Holzteile an, unter denen etwas liegt, und dann erst die, wo nichts drunter ist (für alle Fälle). An diesem Nachmittag aber konnte sie das Spiel nicht spielen. Sie schien vollkommen vergessen zu haben, was sie tun muss und sie konnte sich offenbar nicht genug konzentrieren, um es herauszufinden.

Und da wurde mir schlagartig klar: Angst macht doof.

Das jetzt einmal übertragen auf die Pferdewelt sollte uns sehr, sehr nachdenklich machen, denke ich. Wie oft fürchten sich Pferde vor etwas (was für ein Fluchttier ganz normal ist) und werden gestraft, weil sie dann nicht tun, was sie doch eigentlich können? Und wie oft werden Pferde für einen Fehler so sehr gestraft, dass sie deshalb Angst bekommen? Und wie gut werden sie dann wohl in der Lage sein, das Geforderte zu zeigen? Wie wahrscheinlich ist es, dass sie ähnlich große Probleme haben, sich zu konzentrieren wie unsere Hündin letzte Woche? Und dann sprechen viele von Ungehorsam und hauen noch einmal drauf…

Mein Großer ist ein ganz Sensibler und wenn er Stress bekommt, vergisst er so ziemlich alles. Ich kenne das Phänomen also bereits aus der Praxis, aber so klar ist mir der Zusammenhang bisher noch nicht gewesen.

Auf dass ich das nie wieder vergesse!

24. Oktober 2008 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse 5 Kommentare »

 

5 Reaktionen zu “Angst macht doof”

 

Von Sarah • 24. Oktober 2008

Hallo Tanja,

die Biologin in mir würde noch weiter gehen und behaupten, bei Angst ist lernen schlichtweg unmöglich. Rein neurologisch gesehen wird bei hoher Adrenalinausschüttung das Großhirn nämlich quasi blockiert, das bilden neuer Nervenverbindungen ist komplett unmöglich und das Abfragen alter Muster bei hoher Angst (=Adrenalinausstoß) auch. Das Nervensystem schließt sich direkt mit dem Kleinhirn kurz, d.h. instinkthaftes Verhalten wird direkt an die Wirbelsäule und so in den Körper geschickt: es kommt zu einer „Kurzschlussreaktion“. Sehr passendes Wort, denn genau das ist es. Das „kluge“ Großhirn wird nicht mehr um Rat gefragt, das „instinktgesteuerte“ Kleinhirn reagiert einfach reflexartig – als würde uns jemand mit dem Hammer aufs Knie klopfen.

Und wie wichtig ist das für die Praxis, nicht nur im Umgang mit Pferden, sondern überall da, wo Lernen gefordert ist.

LG,
Sarah

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Herzlichen Dank, Sarah, für diese tolle wissenschaftliche Untermauerung meines Gedankengangs. Ist aber schon ziemlich erschreckend, wie wenig diese Erkenntnisse umgesetzt werden – in der Pferdewelt, aber auch anderswo…

Herzlich,
Tania von „Wege zum Pferd“

 

Von Falkin • 27. Oktober 2008

Vielen Dank an Sarah für die tolle Erklärung und an Tania für das beeindruckende Beispiel!

Ich denke, es ist eine Begleiterscheinung unserer Gesellschaft mit Macht und Ohnmacht zu spielen und Ängste gezielt zu forcieren. Oft wird das (nicht nur) im zwischenmenschlichen un-bewußt eingesetzt, eben um das Gegenüber „schach-matt“ zu setzen. In der ängstlichen Erstarrung ist kaum Miteinander, weder Lernen, noch Nähe möglich. …wie will man eine Beziehung (zu Lebewesen gleich welcher Art) aufbauen, die vor Angst erstarrt sind? Garnicht. Die Geschichte zeigt, wie wichtig auch Verständnis, Entgegenkommen, Einfühlungsvermögen und gegenseitige Unterstützung für ein bereicherndes Miteinander sind…

um Tania zu zitieren: in der Pferdewelt, aber auch anderswo…

Tolles Beispiel. Danke!

Herzliche Grüße
von der Falkin

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Danke, Falkin, für die Rückmeldung – ich habe auch noch viel über das Thema nachgedacht und sehe immer mehr Parallelen im menschlichen Bereich.

Herzlich,
Tania

 

Von Rhomberg Susanne • 3. November 2008

Wir sollten bedenken das Pferde Fluchttiere sind, das heißt bei Gefahr laufen, erst dann schauen. Diese Gedanken spielen sich auf der rechten Gehirnhälfte ab. Flucht, Panik , Angst.
Jetzt sollten wir versuchen seine Hinterhand zu lösen, damit das Pferd wieder anfängt auf der linken Gehirnhälfte zu denken und es so wieder möglich ist, mit ihm zu komunizieren.
Das Problem des Menschen ist, wir werden zornig. Tiere kennen keinen Zorn oder Wut.

Der Mensch das Raubtier, das Pferd das Fluchttier. Wie soll das zusammen passen wenn nicht der Mensch anfängt wie ein Fluchttier zu denken und es zu verstehen.

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Herzlichen Dank für Deinen Kommentar, Susanne. Vor allem der Hinweis darauf, dass wir Menschen immer wieder neu daran denken müssen, das Pferde Fluchttiere sind, finde ich wichtig. Gerade weil sie in dieser Hinsicht so anders sind als wir, gerät uns das leider viel zu oft aus dem Blickfeld.

Herzlich,
Tania

 

Von Julia • 21. Dezember 2008

Hallo Tania,
genauso seh ich das auch, ich sehe immer an meinem pflegepferd, dass die angst das pferd völlig „lahmlegt“. grade beim satteln, da sie unter gurtzwang leidet. ich versuche es ihr immer so angenehm wie möglich zu gestalten, schimpfe nicht mit ihr sondern versuche sie zu beruhigen. denn da sie beim satteln natürlich angebunden ist, versucht sie sich hinzulegen, da sie ja nicht flüchten kann. seit ich sie beim satteln nicht mehr anbinde ist es besser geworden, aber halt noch nicht optimal. und wenn dann wie letzte woche die besi da ist und sie während sie mal wieder angst bekommt auch noch bestraft (anschreien und gurt in ihre richtung knallen), ist jeglicher fortschritt den ich bisher gemacht habe hinfällig. jetzt kann ich wohl wieder von vorne anfangen und hoffen, dass die 2tage die ich sie die woche habe, reichen um sie wieder ein wenig zu stabilisieren. wahrscheinlich werde ich der besi wohl mal den beitrag von sarah vorlegen.
LG Julia

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Oje,

das ist natürlich extrem kontraproduktiv, wenn die Stute Ärger für ihre Angst bekommt… Und wenn es nicht das eigene Pferd ist, kann man ja auch leider nur bedingt was machen. Es wäre der Stute sehr zu wünschen, wenn die Besitzerin einsehen würde, dass Strafen an diesem Punkt die Sache nur noch schlimmer machen.

Herzlich,
Tania

 

Von Gabi • 13. Februar 2012

Hallo Tania,
Angst macht auch uns Menschen doof und wenn ich auf meinem Pferd Angst habe, kann ich leider auch nicht immer die richtigen Hilfen geben. Leider überträgt sich dann meine Angst auch noch auf mein Pferd. Also immer erst die eigenen Ängste ansehen und bearbeiten und dann aufs Pferd. Zumindest aber die eigene Angst erkennen und entsprechend handeln.
Herzliche Grüße
Gabi

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Ja, sehr wichtiger Gedanke! Angst macht uns Menschen nicht nur doof, sondern gerade Pferden gegenüber oft auch aggressiv und ungerecht 🙁
Tania

 

 

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