Babettes Praxis-Blog

Hier berichtet Babette Teschen von ihrer täglichen Arbeit als Reitlehrerin und Ausbilderin und bringt Tipps und Anregungen direkt aus der Praxis mit. HINWEIS: Bei längeren Beiträgen wird hier in der Übersicht immer nur der erste Teil angezeigt – klicken Sie dann bitte jeweils auf den Link “Den ganzen Beitrag lesen”.

Medical Training mit Pferden oder: So bereiten Sie Ihr Pferd auf den Tierarztbesuch vor

Haben Sie schon mal ein Pferd erlebt, dass sich nicht vom Tierarzt behandeln lassen mag? Ein Pferd, das eine panische Angst vor Spritzen hat? Oder ein Pferd, bei dem das einfache Fiebermessen lebensgefährlich für den Menschen wird?

Sie denken ich übertreibe? Leider nein. Schon so mancher Tierarzt hat schon seine Gesundheit oder gar sein Leben im Dienste zum Wohle des Tieres gelassen.

Ich selber habe eine Weile bei einem Tierarzt mitgearbeitet und ein längeres Praktikum in einer Pferdeklinik gemacht. Dort habe ich reichlich gefährliche Situation für Mensch und Tier erlebt. Ganz besonders schlimm fand ich den mit der Untersuchung und Behandlung einhergehenden Stress für die Tiere.

Ein trauriges Beispiel

Ich kann mich noch an eine wunderschöne, junge Stute erinnern, die eine schlimme Verletzung am Bein hatte. Sie musste zwei mal täglich in den Zwangsstand, damit ihre Wunde dort behandelt werden konnte. Wir mussten ihr immer eine Nasenbremse anlegen, um überhaupt an die Wunde zu kommen. Trotzdem war es für uns jedes Mal sehr gefährlich, denn die Stute trat gezielt nach uns aus.

Die Stimmung bei der Versorgung war für alle Beteiligten Stress pur. Das Pferd wurde für jedes negative Verhalten gestraft. Ich kann mich noch gut daran erinnern das ich dachte: „Selbst wenn das Bein wieder wird, die Psyche des Pferdes ist hin. Wie soll dieses arme Wesen nur jemals wieder Vertrauen in den Menschen bekommen?“

Natürlich, die Wunde musste behandelt werden. Und natürlich stehen die Sicherheit von Mensch und Pferd in oberster Priorität! Und selbstverständlich hat das Klinikpersonal nicht die Aufgabe und nicht die Zeit, die Stute auf die Behandlung optimal vorzubereiten. Das ist die Verantwortung des Besitzers und zwar, bevor es notwendig wird. Deswegen heute hier meine Anregung für Sie, Ihr Pferd, so gut es nur irgendwie geht, auf den Tierarztbesuch und auf tierärztliche Behandlungen vorzubereiten.

Nutzen Sie das “Medical Training”!

Am besten eignet sich in meinen Augen dafür das so genannte „Medical Training“. Mit diesem Training arbeiten mittlerweile viele Zoos, Wildtiergehege und Delphinarien. Wenn Wildtiere nicht mit dem Medical Training auf den Tierarzt und auf Untersuchungen vorbereitet werden, müssen die Tiere oft für eine Untersuchung und Behandlung sediert (mit Medikamenten beruhigt) oder sogar in Narkose gelegt werden. Jegliche Untersuchung birgt ein großes Risiko für Mensch und Tier und der Mensch wird für das Tier mit immer negativeren Gefühlen belegt. Dank des Medical Training geht es auch anders.

Das Medical Training beruht auf das Prinzip des Clickertrainings. Wer dieses Ausbildungssystem noch immer als ein System, bei dem man „mit Leckerchen Pferde verzieht“ belächelt, sollte spätestens nach diesen Beitrag begreifen, wie viel mehr dahinter steckt.

Mittels Medical Training lernen z.B. Giraffen an einem Ultraschallgerät zu parken und die Untersuchung ohne Fixierung über sich ergehen zu lassen. Gorillas strecken ihre Arme durch das Käfiggitter und behalten diese zum Arzt hingesteckt ohne sie wegzuziehen, selbst wenn der Arzt ihnen Blut abnimmt. Tiger steigen freiwillig in die Transportbox und Killerwale halten ihre Flosse zur Blutentnahme hin. Und all das tun diese Tiere ohne Zwang, ohne Stress, freiwillig. Sie tun es, weil sie es gelernt haben und weil sie positiv verstärkt wurden. Ich finde das einfach nur genial und zutiefst beeindruckend!

Auch Sie können Ihr Pferd so trainieren, dass es den Besuch des Tierarztes vielleicht nicht liebt, aber zumindest annähernd stressfrei überstehen kann.

So bereiten Sie Ihr Pferd auf den Tierarztbesuch vor

1. Konditionierung auf den Clicker
2. Gewöhnung an die häufigsten Untersuchungsabläufe
3. Bekanntmachung mit dem Tierarzt

Ich habe hier bereits einen Beitrag zum Clickertraining geschrieben.

Ist Ihr Pferd auf den Clicker, oder das Lobwort konditioniert und hat Ihr Pferd verstanden, ein Target zu berühren, können Sie alle Untersuchungsgegenstände, die der Tierarzt häufig benutzt vom Pferd berühren lassen und verschiedenste Behandlungen trainieren:

  • Lassen Sie Ihr Pferd eine Spritze berühren, das Stethoskop, das Fieberthermometer (aber nicht reinbeißen lassen!).

  • Berühren Sie Ihr Pferd mit den Gegenständen und clickern Sie jedes ruhige Stehen.
  • Nehmen Sie eine Hautfalten am Hals in die Hand und clickern Sie in dem Moment, wo die Hautfalte herausgezogen ist und das Pferd sich dabei ruhig verhält.
  • Besorgen Sie sich Desinfektionsspray und reinigen Sie die Stellen, wo der Tierarzt am häufigsten seine Spritzen setzt (also entlang der Drosselrinne, am oberen Hals und am Brustmuskel).

  • Üben Sie das Fiebermessen (dabei das Fieberthermometer immer gut festhalten, damit es nicht im Pferd verschwindet).

  • Üben Sie das Anlegen von Verbänden an den Beinen.

  • Üben Sie das Abwaschen der Beine und das Abspritzen mit dem Schlauch.
  • Üben Sie das Anlegen des Stethoskops am Bauch Ihres Pferdes.

  • Üben Sie die Untersuchung des Mauls, der Ohren, der Nüstern.

Kurz und gut: Simulieren Sie einfach alles, was der Tierarzt machen könnte. Bauen Sie diese Übungen spielerisch in Ihren Alltag ein, so dass sie zur Normalität für Ihr Pferd werden.

Wenn Ihr Pferd alles gelassen über sich ergehen lässt, bitten Sie andere Personen, an Ihr Pferd zu gehen und auch eine Untersuchung zu simulieren. Verstärken Sie dabei weiter jedes positive Verhalten. Wann immer ein Tierarzt in Reichweite ist, bitten Sie ihn, kurz zu Ihrem Pferd zu gehen und ein positives Erlebnis zu schaffen (einen Leckerbissen zu geben, das Pferd sanft zu streicheln).

Ich bin mir sicher, beim nächsten Tierarztbesuch werden Ihr Pferd, Ihre Nerven, Ihr Tierarzt und die Praktikanten/innen des Tierarztes Ihnen sehr dankbar sein für Ihre investierte Zeit und Mühe :-) !

8. Juni 2010 von Babette Teschen • Kategorie: Clickertraining 5 Kommentare »

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5 Reaktionen zu “Medical Training mit Pferden oder: So bereiten Sie Ihr Pferd auf den Tierarztbesuch vor”

 

Von Angela • 8. Juni 2010

Hallo Babette,
wie immer ein sehr schönes Thema, schön geschrieben!
Absolut gute Idee. Ich werde es gleich heute abend, da haben wir einen Erste Hilfe Kurs für Pferde mit der Tierärztin unter den Teilnehmerinnen verbreiten!! Danke.

Nur ganz kurz: Mein 5 jähriger Wallach musste neulich tierärztlich behandelt werden (Fesselringbandsyndrom). Ohne zu überlegen legte der Tierarzt zur Setzung der Spritzen an die Fesselsehnen die Nasenbremse an. Mein Lucky hatte noch nie eine an und kämpfte dagegen wie ein wilder. Der Tierarzt sagte noch:” Uiui, ganz schön schlimm der kleine, nicht?” Ich selber war in leichtem Schockzustand vor Überraschung über meinen Kämpfer, der sich sonst klaglos auf der Koppel spritzen und entwurmen und sonstwas lässt. Dann nahmen wir die Nasenbremse ab und der Tierarzt erklärte mir den weiteren Verlauf. Plötzlich erinnerte er sich, dass er vergessen hatte einen Entzündungshemmer intravenös zu geben. Er vergass das mit der Nasenbremse, zückte die Nadel, setzte das Mittel und beim rausziehen sagte er erstaunt: Huch, der war ja jetzt ganz brav! Obwohl wir die Bremse gar nicht dran hatten!”

Ich habe mich so so so doll geärgert, dass ich nicht von Anfang an ohne Bremse versucht hatte, und einfach befolgt habe was der Tierarzt wollte, ohne auf mein eigenes Gefühl zu hören, das mir sagte:” Nö, der Lucky ist auf Vertrauensbasis erzogen und hält für normales Gepiekse still!” Aber jetzt weiss ichs sicher…..

Saludos, Angela
___________________________________
Liebe Angela,
vielleicht versucht es Dein Tierarzt in Zukunft ja auch erst mal ohne Nasenbremse. Wäre doch prima :-) !
Liebe Grüße nach Spanien :-) ,
Babette

 

Von Almut • 8. Juni 2010

Schöner – und wichtiger Beitrag, Babette.
Ich war letztens bollestolz, als eine neue Tierärztin sich über unsere “tierarztfreundlichen” Pferde wunderte. :-) Mein Kleiner hatte es sogar schon drauf, beim spritzen liegen zu bleiben (ganz ohne Medical Training). Aber wenn es richtig weh tut, ist das dann schon noch mal was anderes…
Eine kleine Anmerkung zum Fieberthermometer: Ich hab es so gelernt, dass da ein Strick drangehört und eine Schweifklammer (oder eben ein Gegenstand, der nicht so fix im Pferd verschwinden kann).
LG, Almut
________________________________________________
Liebe Almut,
ja, das kenne ich auch. Ich halte das Thermometer allerdings lieber fest.
Kompliment an Deinen Kleinen :-) ,
liebe Grüße,
Babette

 

Von Lizzy • 10. Juni 2010

Hallo Babette,
ein in der Tat wichtiges Thema!
Wie wichtig das ist, hat mir mein VB beigebracht, als ich ihm kurz nachdem wir ihn zu uns geholt hatten, einen Verband am Bein anlegen musste…
Ja, seit dem erhält jedes unserer Pferde ein Verbandstraining. Und im normalen Umgang und in der Pflege machen wir auch genügend “komische” Sachen, dass die Pferde so leicht nicht aus der Ruhe zu bringen sind. AUch unser Tierarzt erwähnt oft, wie angenehm stressfrei es bei uns ist.
Und dass es so ist, dafür hat in der Tat zum Wohle aller der Besitzer zu sorgen!
Aber, das ist nicht nur Pflicht. Man muss ja auch mal erwähnen, dass je mehr man solche DInge trainiert, auch automatisch die Vertraubensbasis breiter wird und damit das Verhältnis auch immer enger. So profitiert der Pferdebesitzer also auch im täglichen Miteinander mit seinem Pferd, wenn er immer wieder solche Übungen einbringt. Denn im Grunde ist es egal, ob man übt, über eine Plane zu gehen, oder sein Pferd einsprühen zu können oder es “in (Verbands-)Watte zu packen”. Das übergeordnete Ergebnis ist das selbe: Vertrauen.
Viele Grüße, Lizzy.
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Liebe Lizzy,
danke für Deinen schönen und wahren Beitrag :-) ,
liebe Grüße,
Babette

 

Von Mirja Kasper • 18. Juni 2010

seot neustem spinnt mein Pferd total beim spritzen oder auch nur untersuchen lassen vom Tierarzt, auf den reagiert er sehr panisch und läßt ihn kaum in seine nähe. Ich sollte das mit dem Klickertrainind mal probieren, aber wo bekomme ich ein Klicker? Im Pferdegeschäft? Habe ich nie gesehen. Leider ist der Tierarzt auch eher grob, also lieber wechseln? Wobei von der Tierärztin wollte er sich ja auch nicht spüritzen lassen, was mich schon wundert da er das früher ohne weitere Probleme mit sich hat machen lassen. LG, Mirja
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Liebe Mirja,
Du bekommst einen Clicker in Zoogeschäften, z.B. bei Fressnapf oder im Internet. Und wenn Du die Chance hast den Tierarzt zu wechseln, würde ich das tun. Einen groben Tierarzt würde ich an meinen Tieren nicht haben wollen…
Liebe Grüße,
Babette

 

Von Christa • 5. Oktober 2010

Hi, wie ich feststellen musste hängt die Reaktion vom Pferd auch damit zusammen, welche Laune der Tierarzt hatte. Als mein Pferd einmal eine ganze Woche lang jeden Tag antibiotika i.v. bekommen musste, war am Anfang alles locker, doch als der Tierarzt dann abends zu uns kam und dannach Feierabend hatte, wollte er immer alles ganz schnell machen. Das Hat mein Pferd gemerkt und wurde auch ganz nervös. Am Wochenende war es ganz schlimm, da man dem Tierarzt angesehen hatte das er eigentlich keine Lust hate zu uns raus zufahren um zu spritzen. Dem entsprechend hatte sich mein Pferd auch benommen.
Jetzt haben wir einen anderen Tierarzt, auch unter anderem weil dieser nicht so weit weg ist und damit alle Pferde den selben haben. Der ist immer ganz ruhig und gelassen, begrüsst die Pferde und lässt sich zeit. Da ist mein Pferd ganz entspannt und geht hinterher auch immer wieder zum TA um zu kuscheln :-) . Jetzt brauche ich keine Angst zu haben, das wenn ich mal beim Impfen nicht dabei sein kann, das etwas passiert.
Gruß Christa
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Prima :-)
Liebe Grüße,
Babette

 

 

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