Medical Training mit Pferden oder: So bereiten Sie Ihr Pferd auf den Tierarztbesuch vor
Haben Sie schon mal ein Pferd erlebt, dass sich nicht vom Tierarzt behandeln lassen mag? Ein Pferd, das eine panische Angst vor Spritzen hat? Oder ein Pferd, bei dem das einfache Fiebermessen lebensgefährlich für den Menschen wird?
Sie denken ich übertreibe? Leider nein. Schon so mancher Tierarzt hat schon seine Gesundheit oder gar sein Leben im Dienste zum Wohle des Tieres gelassen.
Ich selber habe eine Weile bei einem Tierarzt mitgearbeitet und ein längeres Praktikum in einer Pferdeklinik gemacht. Dort habe ich reichlich gefährliche Situation für Mensch und Tier erlebt. Ganz besonders schlimm fand ich den mit der Untersuchung und Behandlung einhergehenden Stress für die Tiere.
Ein trauriges Beispiel
Ich kann mich noch an eine wunderschöne, junge Stute erinnern, die eine schlimme Verletzung am Bein hatte. Sie musste zwei mal täglich in den Zwangsstand, damit ihre Wunde dort behandelt werden konnte. Wir mussten ihr immer eine Nasenbremse anlegen, um überhaupt an die Wunde zu kommen. Trotzdem war es für uns jedes Mal sehr gefährlich, denn die Stute trat gezielt nach uns aus.
Die Stimmung bei der Versorgung war für alle Beteiligten Stress pur. Das Pferd wurde für jedes negative Verhalten gestraft. Ich kann mich noch gut daran erinnern das ich dachte: „Selbst wenn das Bein wieder wird, die Psyche des Pferdes ist hin. Wie soll dieses arme Wesen nur jemals wieder Vertrauen in den Menschen bekommen?“
Natürlich, die Wunde musste behandelt werden. Und natürlich stehen die Sicherheit von Mensch und Pferd in oberster Priorität! Und selbstverständlich hat das Klinikpersonal nicht die Aufgabe und nicht die Zeit, die Stute auf die Behandlung optimal vorzubereiten. Das ist die Verantwortung des Besitzers und zwar, bevor es notwendig wird. Deswegen heute hier meine Anregung für Sie, Ihr Pferd, so gut es nur irgendwie geht, auf den Tierarztbesuch und auf tierärztliche Behandlungen vorzubereiten.
Nutzen Sie das “Medical Training”!
Am besten eignet sich in meinen Augen dafür das so genannte „Medical Training“. Mit diesem Training arbeiten mittlerweile viele Zoos, Wildtiergehege und Delphinarien. Wenn Wildtiere nicht mit dem Medical Training auf den Tierarzt und auf Untersuchungen vorbereitet werden, müssen die Tiere oft für eine Untersuchung und Behandlung sediert (mit Medikamenten beruhigt) oder sogar in Narkose gelegt werden. Jegliche Untersuchung birgt ein großes Risiko für Mensch und Tier und der Mensch wird für das Tier mit immer negativeren Gefühlen belegt. Dank des Medical Training geht es auch anders.
Das Medical Training beruht auf das Prinzip des Clickertrainings. Wer dieses Ausbildungssystem noch immer als ein System, bei dem man „mit Leckerchen Pferde verzieht“ belächelt, sollte spätestens nach diesen Beitrag begreifen, wie viel mehr dahinter steckt.
Mittels Medical Training lernen z.B. Giraffen an einem Ultraschallgerät zu parken und die Untersuchung ohne Fixierung über sich ergehen zu lassen. Gorillas strecken ihre Arme durch das Käfiggitter und behalten diese zum Arzt hingesteckt ohne sie wegzuziehen, selbst wenn der Arzt ihnen Blut abnimmt. Tiger steigen freiwillig in die Transportbox und Killerwale halten ihre Flosse zur Blutentnahme hin. Und all das tun diese Tiere ohne Zwang, ohne Stress, freiwillig. Sie tun es, weil sie es gelernt haben und weil sie positiv verstärkt wurden. Ich finde das einfach nur genial und zutiefst beeindruckend!
Auch Sie können Ihr Pferd so trainieren, dass es den Besuch des Tierarztes vielleicht nicht liebt, aber zumindest annähernd stressfrei überstehen kann.
So bereiten Sie Ihr Pferd auf den Tierarztbesuch vor
1. Konditionierung auf den Clicker
2. Gewöhnung an die häufigsten Untersuchungsabläufe
3. Bekanntmachung mit dem Tierarzt
Ich habe hier bereits einen Beitrag zum Clickertraining geschrieben.
Ist Ihr Pferd auf den Clicker, oder das Lobwort konditioniert und hat Ihr Pferd verstanden, ein Target zu berühren, können Sie alle Untersuchungsgegenstände, die der Tierarzt häufig benutzt vom Pferd berühren lassen und verschiedenste Behandlungen trainieren:
- Lassen Sie Ihr Pferd eine Spritze berühren, das Stethoskop, das Fieberthermometer (aber nicht reinbeißen lassen!).
- Berühren Sie Ihr Pferd mit den Gegenständen und clickern Sie jedes ruhige Stehen.
- Nehmen Sie eine Hautfalten am Hals in die Hand und clickern Sie in dem Moment, wo die Hautfalte herausgezogen ist und das Pferd sich dabei ruhig verhält.
- Besorgen Sie sich Desinfektionsspray und reinigen Sie die Stellen, wo der Tierarzt am häufigsten seine Spritzen setzt (also entlang der Drosselrinne, am oberen Hals und am Brustmuskel).
- Üben Sie das Fiebermessen (dabei das Fieberthermometer immer gut festhalten, damit es nicht im Pferd verschwindet).
- Üben Sie das Anlegen von Verbänden an den Beinen.
- Üben Sie das Abwaschen der Beine und das Abspritzen mit dem Schlauch.
- Üben Sie das Anlegen des Stethoskops am Bauch Ihres Pferdes.
- Üben Sie die Untersuchung des Mauls, der Ohren, der Nüstern.
Kurz und gut: Simulieren Sie einfach alles, was der Tierarzt machen könnte. Bauen Sie diese Übungen spielerisch in Ihren Alltag ein, so dass sie zur Normalität für Ihr Pferd werden.
Wenn Ihr Pferd alles gelassen über sich ergehen lässt, bitten Sie andere Personen, an Ihr Pferd zu gehen und auch eine Untersuchung zu simulieren. Verstärken Sie dabei weiter jedes positive Verhalten. Wann immer ein Tierarzt in Reichweite ist, bitten Sie ihn, kurz zu Ihrem Pferd zu gehen und ein positives Erlebnis zu schaffen (einen Leckerbissen zu geben, das Pferd sanft zu streicheln).
Ich bin mir sicher, beim nächsten Tierarztbesuch werden Ihr Pferd, Ihre Nerven, Ihr Tierarzt und die Praktikanten/innen des Tierarztes Ihnen sehr dankbar sein für Ihre investierte Zeit und Mühe
!
8. Juni 2010 von Babette Teschen • Kategorie: Clickertraining • 5 Kommentare »







