Babettes Praxis-Blog
Hier berichtet Babette Teschen von ihrer täglichen Arbeit als Reitlehrerin und Ausbilderin und bringt Tipps und Anregungen direkt aus der Praxis mit. HINWEIS: Bei längeren Beiträgen wird hier in der Übersicht immer nur der erste Teil angezeigt – klicken Sie dann bitte jeweils auf den Link “Den ganzen Beitrag lesen”.
Stichwort “Ganaschenfreiheit”
Ein immer wiederkehrender Begriff in der Reitliteratur lautet: “Ganschenfreiheit”. Doch wenn ich meine Schüler/innen frage, was damit gemeint ist, bekomme ich in den seltensten Fällen eine korrekte Antwort. Das ist Grund genug für mich, diesen Begriff einmal genau zu erklären.
Was ist also die Ganasche des Pferdes?
Als Ganasche wird die Kinnlade bezeichnet, also der hintere Bereich des Unterkiefers (auch Unterkieferast genannt), hier auf dem Foto rot eingezeichnet:

Als Ganaschenfreiheit bezeichnet man nun den Abstand zwischen dem hinteren Rand des Unterkieferastes und dem unteren Rand des Altasflügelastes, dieser ist im Foto grün eingezeichnet.Der Atlas ist der erste Halswirbel. Er besitzt an den Seiten Flügel, die sich gut tasten lassen.
Ganaschenfreiheit
Zwischen den Altasflügel und Unterkieferast sollen mind. 2 Finger Platz sein, denn in dem Bereich dazwischen befindet sich die Ohrspeicheldrüse.
Pferde mit wenig Ganaschenfreiheit werden sich nie so aufrichten und beizäumen lassen wie Pferde mit guter Ganaschenfreiheit.
Die Ganaschenfreiheit bestimmt also wesentlich die Beizäumungsfähigkeit des Pferdes! Ein Mangel an Ganaschenfreiheit ist ein typisches Rasseproblem bei vielen Kleinpferde- und Ponyrassen (z.B. Norwegern, Haflingern), aber auch einiger Iberischen Pferderassen.
Ganaschenzwang
Wird ein Pferd mit wenig Ganaschenfreiheit in eine zu enge Beizäumung gezwungen, kommt es zum so genannten “Ganaschenzwang”. Dabei wird die Ohrspeicheldrüse schmerzhaft gequetscht

Bei Pferden mit hoch aufgesetzten Hengsthälsen und/oder stark entwickelten Ganaschen ist es wichtig, mit einer Beizäumung des Genicks mit einer Stirn-Nasenlinie deutlich vor der Senkrechten zufrieden zu sein. Diesen Pferden würde man mit einer stärkeren Beizäumung Schmerzen bereiten. Das wiederum provoziert Widerstand beim Pferd oder das Pferd versucht sich dem Schmerz zu entziehen, wodurch es häufig zum so genannten “falschen Knick” kommt.
Der falsche Knick
Beim falschen Knick ist nicht das Genick der höchste Punkt der Halswirbelsäule, sondern der Bereich 3-4 Halswirbel, wie auf diesem Foto zu sehen:

Das ist ein grober Fehler! Ein solches Pferd kann nicht korrekt über den Rücken laufen.
Hinschauen und Grenzen erkennen
Schauen Sie sich nun mit diesem Wissen im Hinterkopf einmal die Ganaschen Ihres Pferdes genau an. Versuchen Sie, neben Ihrem Pferd stehend, eine künstliche Beizäumung Ihres Pferdes zu erzielen (das geht ganz gut durch Locken in diese Haltung mit Futter) und prüfen Sie, ab welcher Beizäumungsstärke Ihr Pferd „zu eng“ in den Ganaschen wird. Oftmals kann man die Quetschung der Ohrspeicheldrüse gut erkennen. Auch wird das Pferd freiwillig nicht über die Schmerzgrenze gehen.
Erwarten Sie dann bitte auch beim Reiten Ihres Pferdes nicht mehr Beizäumung, auch wenn die Sprüche von anderen kommen, Sie sollten Ihr Pferd doch mal „mehr ran“ nehmen.
Akzeptieren Sie die Anatomie und die damit verbundenen Möglichkeiten Ihres Pferdes!
10. Februar 2009 von Babette Teschen • Kategorie: Anatomie und Körper • 9 Kommentare »
Es geht auch anders!
Tipps, Ideen und Übungen für mehr
Harmonie, Spaß und Verständigung mit dem Pferd
350 Seiten Praxiswissen für einen pferdegerechten Umgang bequem als PDF zum Herunterladen. Thematisch sortiert, praktisch präsentiert und mit vielen Fotos illustriert.
Für mehr Infos hier klicken.
Von Cate
• 11. Februar 2009
Schööön, Babette!
Und wie immer sehr gute und aussagekräftige Bilder … weiter so, bitte!
Siehste, ich bin durchaus auch mal mit dir einer Meinung!
LG
Cate
__________________________________________________________________
Puh, da bin ich aber erleichtert!!!

Liebe Grüße,
Babette
Von christina
• 13. Februar 2009
liebe babette,
das ist gut zu wissen!
Darüber hab ich bis jetzt ja auch überhaupt nicht nachgedacht. Nachdem ich ja von übertriebener Beizäunung eh nichts halte, aber bei Sando doch darauf schauen muss, dass er vorne hoch kommt, ist das ganz gut zu wissen.
Es gibt ja Menschen, die leicht in Versuchung kommen, zu übertreiben, so quasi von einem Extrem ins andere…
so wie ich manchmal
liebe grüße
christina
______________________________________________________
Liebe Christina,
super, wenn ich Dir eine Wissenslücke schliessen konnte
,
liebe Grüße,
Babette
Von Almut
• 16. Februar 2009
Liebe Babette,
eine Rückfrage: die 2 Finger Platz sollen immer da sein, auch in beigezäumter Haltung, ja? Und eine Anmerkung: meine Ponys lassen sich mit Leckerli in deutlich überzäumte Stellung locken, habe nicht das Gefühl, dass da eine Schmerzgrenze überschritten wird – oder vielleicht wird die auch für ein Leckerli in gewissem Grad mißachtet?
Habe mit dem Tasten allerdings wegen extremem Teddyfell momentan auch bisschen Schwierigkeiten, so dass ich mir nicht sicher bin, wie doll da was gequetscht wird.
LG, Almut
_____________________________________________________________________
Liebe Almut,
wenn ein Pferd eine beigezäumte Haltung ein nimmt, verringert sich der Platz. Und nicht jedes Pferd hat Schmerzen, wenn es in den Ganaschen kurzfristig zu eng wird. Aber eine dauerhafte Quetschung der Ohrspeicheldrüse ist mit Sicherheit schmerzhaft,
liebe Grüße,
Babette
Von Kerstin Schneider
• 16. Februar 2009
Uihh,
auch ich habe mal wieder kräftig dazugelernt.
Ich wusste zwar, was Ganaschenfreiheit bedeutet, aber was für Probleme das auslösen kann (vor allem Schmerzen) war mir gänzlich unbekannt.
Danke für diese sehr sinnvollen Beitrag!
Grüße von Kerstin und Guinness
_______________________________________________________
Hallo Kerstin,
sehr gerne
!
Hast Du nicht Lust in unser Forum zu kommen?
Ich würde mich seehhr freuen
!!!
Liebe Grüße,
Babette
Von Johanna
• 17. April 2009
Jetzt reite ich schon so lange und kenne auch den Begriff der Ganaschenfreiheit. Doch bisher wusste ich nie genau, was das ist oder besser, wie man das erkennt!
DANKE!!!
Und diesen falschen Knick hat meine Stute von ihren Vorbesiztern mitgebracht…
Wenn sie in Stress gerät, fällt sie zurück und knickt wieder falsch, wobei sie sich höher aufrichtet, als das Pferd auf eurem Bild.
Hast du einen Tip, wie ich das verhindern kann? Sie hat auch links und rechts vom Knick sehr ausgeprägte Muskeln. Die sind zwar schon erhelblich kleiner, nur ganz weg krieg ich die nicht!
Danke für die erleuchtende Beschreibung,
Gruß,
Johanna
___________________________________________________
Hallo Johanna,
Dein Pferd muss lernen ans Gebiss heranzutreten und lernen, eine korrekte Haltung einzunehmen.
Das ist in der Regel ein langer Korrekturweg…
.
Hast Du meinen Blog über die seitliche Halsbiegung gelesen?
Damit kannst Du versuchen Dein Pferd zu korrigieren, wenn es sich in die falsche Haltung begibt.
Und Du kannst Deinem Pferd auch an der Longe und an der Hand beibringen, in korrekter Selbsthaltung zu laufen,
liebe Grüße,
Babette
Von Angie Klouceck
• 14. Oktober 2009
Muß auch einen Kommentar abgeben…
Also ich habe einen VA-Wallach und der hat so gut wie keine Ganaschenfreiheit. Bei ihm “quetscht” es immer die Ohrspeicheldrüse raus, egal ob er frist, geht, steht oder liegt. Beim Reiten darf er deshalb immer vor der Senkrechte bleiben, auch in der Dressur. Gefällt mir persönlich auch besser, weil es natürlicher und nicht erzwungen aussieht. Leider wollen aber die Richter auf den Turnieren soetwas nicht sehen. Deshalb reite ich ihn die 4 Minuten wo die Aufgabe dauert, mit der Nase kurz vor der Senkrechten. Denke das er das aushalten und keine bleibenden Schäden nehmen wird, vor allem weil wir nicht wirklich regelmäßig auf ein Turnier fahren (so ca. 2mal im Jahr 
Leider habe ich auch noch nicht herausgefunden, warum es ihm die Ohrspeicheldrüse immer rausquetscht. Meine Freundin ist Osteopatin und von der wird er regelmäßig durchgecheckt und am Genick hatte er noch nie Blockaden…
Na ja, wünsche allen noch einen schönen Tag.
Liebe Grüße
Angie
___________________________________________________
Liebe Angie,
Du schreibst ja, dass Dein Pferd von Natur aus keine Ganaschenfreiheit hat. Damit erklärt sich ja schon die rausquetschende Ohrspeicheldrüse. Ich finde es ganz toll, dass Du so viel Rücksicht darauf nimmst,
liebe Grüße,
Babette
Von Tiegra
• 4. Februar 2010
Hallo
Ihr redet über ausgewachsene Pferde. Ich will mir eventuell ein junges Folen kaufen. Wie sieht es da mit der Ganaschenfreiheit aus? kann sich das im Wachstum ändern oder erkennt man das schon in frühen Jahren recht gut und kann es gut abschetzen wie das Tier sich entwickeln wird.
gruß Tiegra
_______________________________________
Hallo Tiegra,
gute Frage! Da weiß ich ehrlich gesagt auch nicht die Antwort. Ich würde mir wenn möglich Vater und Mutter anschauen.
Liebe Grüße,
Babette
Von Susanne
• 1. Juni 2010
Liebe Babette
das ist Klartext!!!Super!
Eindrücklich Darstellungen und gute Erklärungen auf Deiner Seite …Ich bin begeistert!Stell dir vor durch Deine Arbeit hat sich mein Isi so entspannt dass es plötzlich Ganaschenfreuheit gibt wo vorher keine war!
Susanne
______________________________________________
Wie schön, ich freue mich
,
liebe Grüße,
Babette
Von Luna
• 23. März 2011
Hallo liebe Babette,
sehr anschaulich erklärt, toll. Das passt genau zu dem Problem, was ich gerade habe: Meine Pferde (mehrere) die ich bisher immer western geritten bin und nun vermehrt in der Dressur arbeite, hatten alle (soweit ich mich erinnern kann) gute Ganaschen. In letzter Zeit stellte ich fest, dass alle von ihnen Wülste an den Ganaschen bekommen haben, die sich sofort herausdrücken, wenn sie die Nase ein bisschen richtung Senkrechte nehmen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie das vorher nicht hatten. Man merkt auch, wenn man fühlt, dass sich da Verhärtungen unter der Haut gebildet haben, wenn sie den Hals und Kopf gestreckt halten. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht erklären, woher das kommt. Meine einzige Erklärung ist, dass es von der Reiterei kommt. Aber, was ich nicht verstehe: Ich achte immer penibelst drauf, dass sie nicht zu eng werden im Genick. Ich reite nicht mit harter Hand und arbeite nach klassischen Grundsätzen. Praktiziere also kein vorne ziehen- hinten treten. Ich bin ehrlich gesagt etwas ratlos. Mir gefällt ehrlich gesagt die gesunde Mischung zwischen Western (etwas mehr v/a bis leichte Arbeitshaltung) und Dressur (Gymnastik, die wichtig ist und die HH kräftigt). Ich will doch nicht wieder nur Western reiten. Was meinst du dazu?
LG Luna
Einen Kommentar schreiben