Babettes Praxis-Blog

Hier berichtet Babette Teschen von ihrer täglichen Arbeit als Reitlehrerin und Ausbilderin und bringt Tipps und Anregungen direkt aus der Praxis mit. HINWEIS: Bei längeren Beiträgen wird hier in der Übersicht immer nur der erste Teil angezeigt – klicken Sie dann bitte jeweils auf den Link “Den ganzen Beitrag lesen”.

Die Übung „Kopf tief“

Heute möchte ich Ihnen eine Übung vorstellen, die meiner Ansicht nach ein Pferd schon möglichst früh in seiner Grunderziehung lernen sollte. Ziel dieser Übung ist es, dass Sie Ihr Pferd in jeder Situation und mit verschiedenen Zeichen veranlassen können, den Kopf zu senken.

kopftief4.jpg

Wenn Sie in der Lage sind Ihrem Pferd jederzeit und überall den Kopf senken zu lassen, haben Sie ein höchst wirksames Werkzeug in der Hand, sowohl auf die körperliche, als auch auf die psychische Haltung Ihres Pferdes positiven Einfluss zu nehmen.

Die körperliche Wirkung

Ein Pferd, das seinen Hals aus dem Widerrist heraus fällen lässt, nimmt eine gesunde Dehnungshaltung an. Diese Dehnungshaltung soll jedes Pferd sowohl geführt, an der Longe (ohne durch Hilfszügel dazu genötigt zu werden!), als auch unter dem Sattel ausführen können. Durch diese Übung können Sie Ihr Pferd dazu bringen -später auch vom Sattel aus- den Hals fallen zu lassen.

Die psychische Wirkung

Ein Pferd im Zustand der Angst steht unter dem Einfluss des Teils des vegetativen Nervensystems, der Sympathikus heißt. Diesen Zustand erkennen Sie daran, dass Ihr Pferd den Kopf hoch trägt, schnell und kurz atmet, aufhört zu fressen und ein weit aufgerissenes Auge zeigt. Alles an und in Ihrem Pferd ist angespannt und bereit zur Flucht.

Ein entspanntes Pferd hingegen trägt den Kopf gesenkt, die Atmung ist ruhig und tief, das Auge gelassen. Das Pferd befindet sich im Zustand des Parasympathikus.

Die Übung des Kopfsenkens hilft dem Pferd, in den Zustand des Parasympathikus zu gelangen, bzw. zu bleiben. Es „kommt runter“ im wahrsten Sinne des Wortes. Diese Übung kann Pferde aus negativen Verhaltensmustern befreien, Krisensituationen entschärfen und kann Ihnen und Ihren Pferd helfen, Angstsituationen (z.B. wenn Ihnen auf einem engen Weg ein Trecker entgegen kommt und Sie nicht ausweichen können) zu meistern.

Noch eine ganz wichtige Einsatzsituation: Bevor ich mit meinem Pferd streite, rufe ich lieber das „Kopf senken“ ab, verordne meinem Pferd damit eine „Auszeit“ und versuche dann, in hoffentlich entspannter Stimmung, wieder in die Arbeit zu gehen.

Und so lehren Sie es Ihrem Pferd

Stellen Sie sich leicht schräg seitlich vor Ihr Pferd. Nehmen Sie eine kleine Körperhaltung ein (können Sie Ihrem Pferd vertrauen, dass es Sie nicht überrennt, können Sie sich vor Ihr Pferd hin hocken). Ihr Pferd trägt ein Halfter und Sie halten den Führstrick in ihrer linken Hand (später können Sie die Übung natürlich auch mit Kappzaum oder Trensenzaum machen, für das Einstudieren hat sich ein Halfter bewährt). In der rechten Hand halten Sie eine Gerte. Nun streicheln Sie Ihrem Pferd die Vorderbeine langsam von oben nach unten ab. Hat Ihr Pferd Angst vor der Gerte, können Sie das Abstreichen der Beine auch mit Ihrer Hand durchführen. Mit Ihrer linken Hand geben Sie am Führstrick Impulse nach unten. Sobald Ihr Pferd einen Zentimeter nachgibt, sagen Sie das Kommando „Kopf tief“ und belohnen Sie Ihr Pferd mit Stimmlob, Streicheln und etwas Futter.

kopftief1.jpg

kopftief2.jpg

Ihr Pferd lernt hier gleich vier Signale, auf die es später mit Kopf senken reagieren wird:

  • auf den leichten Druck im Genick,
  • auf das Abstreichen der Vorderbeine,
  • auf das Stimmkommando
  • und auf das absenkende Zeichen mit der Gerte.

Nach und nach verlangen Sie immer tieferes Sinken des Kopfes und auch die Dauer, die Ihr Pferd mit gesenkter Kopfhaltung zubringt, soll sich nach und nach verlängern. Wichtig ist, dass Sie zur richtigen Zeit loben, nämlich mit Stimmlob oder Clicker (siehe Artikel Clickertraining) in dem Moment positives Feedback zu geben, in dem der Kopf Ihres Pferdes unten ist und nicht etwa dann zu loben, wenn Ihr Pferd von sich aus den Kopf wieder hoch genommen hat. Im letzten Fall würden Sie das selbstständige Beenden der Übung, bzw. das Kopf hoch nehmen belohnen!

Hat Ihr Pferd diese Zeichen gelernt, können Sie von hier aus Brücken bauen zu neuen Zeichen für diese Übung z.B.:

  • Entfernen Sie sich etwas von Ihrem Pferd und tun Sie so, als wenn Sie Ihrem Pferd wieder die Beine abstreichen wollen und geben Sie das bereits gelernte Stimmkommando. Geben Sie Ihrem Pferd Zeit Sie zu verstehen und belohnen Sie jeden Ansatz von Kopf senken. Mit etwas Training können Sie so Ihrem Pferd auch in der Freiarbeit oder an der Longe den Kopf senken lassen und so in Dehnungshaltung bringen.
  • Geben Sie ein vom Pferd gut bekanntes Kommando zum Kopf senken und drücken Sie gleichzeitig mit Ihrer Handfläche an die Schenkellage Ihres Pferdes. Bald wird der Druck in der Schenkellage alleine genügen, und Ihr Pferd wird den Kopf senken, was dann später beim Reiten dazu führt, dass Ihr Pferd lernt, Schenkeldruck = Kopfsenken.

kopftief6.gif

  • Kombinieren Sie das Abstreichen der Beine mit einem Druck hinter dem Genick des Pferdes. Wenn Ihr Pferd den Kopf senkt, loben Sie. Nun üben Sie den Druck etwas tiefer am Mähnenkamm Richtung Widerrist aus. So können Sie den Druckpunkt Stück für Stück Richtung Widerrist verlagern und so am Ende auch vom Sattel aus Ihrem Pferd den Kopf senken.
  • Nun können Sie Ihrem Pferd auch beibringen, sich mit gesenktem Kopf führen zu lassen. Führen Sie Ihr Pferd ein paar Schritte, halten Sie es an und lassen es gleich darauf den Kopf senken. Nun geben Sie wieder das Kommando zum Losgehen, im Idealfall hat das Pferd den Kopf noch gesenkt. Wenn der Kopf hoch geht, halten Sie wieder an und lassen Sie Ihr Pferd wieder den Kopf senken. Wiederholen Sie diese Wechsel und bauen Sie auch während des langsamen Gehens das Kommando zum Kopf senken ein.
  • Ebenso können Sie Ihrem Pferd auch beibringen, mit gesenktem Kopf rückwärts zu treten.

kopftief5.jpg

Bitte beachten Sie: Diese Übung sitzt erst nach vielen, vielen Wiederholungen wirklich sicher. Dann aber haben Sie gute Chancen, auch in brenzligen Situationen Ihr Pferd in einen entspannten Zustand zu bekommen bzw. zu behalten.

Überlegen Sie doch einmal: In welchen Situationen möchten Sie in der Lage sein Ihrem Pferd den Kopf zu senken? Welche Zeichen möchten Sie ihrem Pferd dafür beibringen? Ihrer Phantasie sind hier kaum Grenzen gesetzt. Durch das Prinzip des „Brückenbauens“ können Sie Ihrem Pferd z.B. beibringen, auf ein Zupfen am Schweif den Kopf zu senken ;-)

20. Mai 2008 von Babette Teschen • Kategorie: Übungen 5 Kommentare »

Es geht auch anders!
Tipps, Ideen und Übungen für mehr Harmonie, Spaß und Verständigung mit dem Pferd

350 Seiten Praxiswissen für einen pferdegerechten Umgang bequem als PDF zum Herunterladen. Thematisch sortiert, praktisch präsentiert und mit vielen Fotos illustriert.
Für mehr Infos hier klicken.

 

5 Reaktionen zu “Die Übung „Kopf tief“”

 

Von Inez Emperle • 6. Juli 2008

Ich muß ja mal ERFOLG melden :)
Vorgestern war der Schmied da, den mein Mino ungefähr genauso liebt wie den Tierarzt…
Da Stephan erst abends kam, bin ich vorher geritten, und wir haben danach noch ein bissl “gespielt” und geübt. Verbeugung, Kompliment, Kopf tief, gerte mit der nase wegstubsen…
Als Stephan dann kam, war Mino noch so in “spiellaune”, dass ich (während Stephan die alten Eisen abnahm, den Huf bearbeitete, und neue aufnagelte) Mino mit “kopf tief” beschäftigte und natürlich mit “KEKS” belohnte.
Er hat so supergut mitgemacht und war so entspannt wie noch nie, wenn der Schmied da war.
Kopf tief funktionierte vorher zwar auch schon gut, aber in brenzligen Situationen, wo Angst noch eine Rolle spielte, konnte Mino wohl noch nicht so mitmachen,selbst wenn er gewollt hätte.
Jetzt mache ich Ihn vorher “heiss”, wenn ich weiß, dass ein für Ihn unangenehmer Besuch ansteht ;)
______________________________________________
Hallo Inez,
ach ist das schön!!!!
Ich freue mich riesig, :-)
liebe Grüße, Babette

 

Von Misterbanj • 17. März 2009

Mal so eine grundsaetzliche Frage zu den Befehlen, die man sich so aussucht. Ich fand die Begriffe immer lang, um einem Wesen, dass die Sprache nicht verwendet etwas eindeutiges zu vermitteln. Im englischen sind die Begriffe natuerlich kuerzer. Fuer Kompliment gibt es “BOW”, das ich
supergut finde. “Kopf tief” klingt nicht einfach zu merken. – Wuerde “Tief” nicht reichen? – Oder ist es letztendlich doch die Koerpersprache, auf die das Pferd dann reagiert? Was sind so eure Erfahrungen?

Liebe Gruesse und ich finde die Idee superklasse mit dem Kopfsenken!!!!!
_________________________________________________________
Hallo,
ganz sicher ist nur “Tief” zu sagen, ebenso gut oder sogar besser.
Die Pferde lernen auch auf Stimmkommando alleine zu reagieren, aber meistens geben wir doch, wenn auch oftmals unbewußt, eine Zeichen durch Körpersprache dazu.
Liebe Grüße,
Babette

Babette

 

Von Almut • 5. Mai 2009

Liebe Babette,
habe mir das hier im Zusammenhang mit Deinem heutigen Beitrag gleich nochmal durchgelesen. Wo ich ein kleines Problem sehen würde, ist die Sache mit dem Schenkeldruck = Kopf tief. Schließlich will ich doch beim reiten diesen Zusammenhang nicht unbedingt (nur), sondern ich möchte (auch) installieren Schenkel = vorwärts oder = seitwärts. Und in einem “versammelteren” Stadium will ich den Kopf ja auch nicht tief haben, sondern mit mehr Aufrichtung, ohne dass ich dann auf den Schenkel verzichten muss. Vielleicht kannst Du mich ja erhellen? ;-)
(Ich muss vielleicht noch dazu sagen, dass ich das “Kopf tief” etwas anders beigebracht und bislang nur vom Boden aus geübt habe.)
LG, Almut
_________________________________________________________
Hallo Almut,
hier kommen wir dann in den Bereich, wo später die zusätzlichen Hilfen (Gewicht, Zügel, Sitz…) dem Pferd vermitteln, was wir von ihm wollen.
Zu Anfang der Ausbildung ist es, gerade bei Pferden die dazu neigen sich herauszuhebeln, eine tolle Sache, die von mir genannte Verbindung (Schenkeldruck=Kopf senken) einzuüben. Später sagt dann die Zügellänge, wie tief ich das Fallenlassen des Kopfes erlauben möchte. Die Aufrichtung erreite ich durch versammelnde Übungen. Die Art wie ich den Schenkel einsetze wenn er “mehr vorwärts” sagt ist eine andere, als die die sagt, ich möchte mehr Loslassen des Halses…
Ich glaube, dass kommt auf meinem Zettel um nochmal einen Blog zu schreiben… ;-) ,
liebe Grüße,
Babette

 

Von Dunja • 7. Juni 2009

Hi Babette,

wir haben gestern angefangen an der Kopf tief Übung zur Entspannung zu arbeiten, klappt schon ganz prima, Danke!

Unser Kommando ist “Down”, wir haben schon so viel mit “I” und es kommt sonst bei uns nirgends vor.

LG
Dunja
_______________________________________________________________
Super!
Das freut mich :-)
Liebe Grüße,
Babette

 

Von Andrea und Moskito • 12. Juli 2010

Hallo Babette,
Eure Seite macht wirklich Mut. Bin über die Google Suche zur Behandlung eines geschwollenen Fesselringbandes auf Eure Seite gestoßen und hab die Tips zur Tierarztübung gelesen und auch die Clicker und Kopf tief Tips. Da mein Pferd Moskito beim Tierarzt, beim Hufschmied und beim Verladen diverse Probleme hat/mir bereitet, werde ich die unfreiwillige reichliche Zeit mal zum Üben nutzen. LG Andrea
_________________________________________
Dann wünsche ich Dir viel Erfolg dabei :-) ,
liebe Grüße,
Babette

 

 

Einen Kommentar schreiben

 

Die folgenden Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Babette Teschen

  • Veröffentlichung Der Longenkurs
  • Ausgebildete Tierheilpraktikerin
  • Seminare nach Linda Tellington-Jones
  • Von 1998 bis 2000 Reitlehrerin in der Schule Marienau
  • Seit 1996 selbständig mit dem Pferdehof Teschen -
    Zentrum für ganzheitliche Betreuung

  • Seit 1998 Spezialisierung auf Alternative Reitweise nach Sally Swift und M. Feldenkrais
  • Schülerin von Horst Becker, Lehrer der klassischen Dressur
  • Seit Anfang 2003 Angebot eigener Seminare