Die Gewichtshilfe- ja wohin gebe ich sie denn nun korrekterweise?

Wenn man sich durch verschiedene Reitlehren liest, findet man unterschiedliche Erklärungen zum Thema Gewichtshilfen. In der englischen Reitweise soll das Gewicht nach innen gehen, also in die Bewegungsrichtung in die ich reiten/abwenden möchte. In anderen Reitweisen wird sich gegen die Bewegungsrichtung gesetzt, hier soll das Pferd dem Gewicht weichen.

Was ist nun also „richtig“?

Für mich ist es logisch und es entspricht auch meinen Erfahrungen die ich beim Einreiten von Jungpferden gemacht habe, dass ein Pferd unter mir versucht, mit mir in ein gemeinsames Gleichgewicht zu kommen.

Dazu ein Selbstversuch

Setzen Sie sich ein Kind auf die Schulter und gehen Sie geradeaus. Was machen Sie, wenn das Kind sich einseitig nach rechts belastet? Ich persönlich würde dann auch nach rechts gehen, um uns wieder in ein gemeinsames Gleichgewicht zu bekommen und nicht auf die Nase zu fallen.

Deswegen halte ich es im Prinzip so, wie es die englische Reitweise lehrt: Ich setze meine Gewichtshilfe dorthin, wo ich hin will. Möchte ich also eine Volte nach rechts reiten, gebe ich die Gewichtshilfe nach rechts.

Nun kommt bei mir allerdings ein großes ABER:

Wir haben es ja beim Pferd (neben anderen Punkten die uns so das Reiterleben erschweren ;-) ) noch mit den großen Themen Händigkeit und natürlicher Schiefe zu tun. Und diese beiden Punkte muss ich bei der Gabe einer sinnvollen Gewichtshilfe berücksichtigen. Dass ich die Gewichtshilfe stur nach Lehre gebe, klappt bei einem Pferd was noch nicht 100% ausbalanciert ist, nämlich nicht wirklich gut.

Ein Beispiel

Nehmen wir an, Sie reiten ein Pferd, bei dem es sich um einen Rechtshänder handelt. Die starke Schulter, auf der sich Ihr Pferd seiner natürlichen Händigkeit entsprechend abstützen möchte, ist also die rechte. Seine rechte Seite ist die so genannte „Zwangsseite“. Dieses Pferd ist links hohl. Links ist seine „Schokoladenseite“, auf der dem Pferd zu Beginn seiner Ausbildung alles etwas leichter fällt (eine ausführliche Abhandlung zum Thema Händigkeit und Schiefe finden Sie in unserem Kurs zum korrekten Longieren).

Ihr rechtshändiges Pferd wird auf einer Volte nach rechts, solange es noch nicht ausbalanciert, gut gymnastiziert und geradegerichtet ist, folgendes Verhalten zeigen:

  • Ihr Pferd wird sich schwer nach innen stellen und biegen lassen,
  • es wird gegen den inneren Schenkel gehen,
  • es wird auf die innere Schulter fallen,
  • es wird versuchen, die Volte kleiner zu machen.

Wenn Sie nun auch noch nach rechts sitzen, werden die o.g. „Fehler“ Ihres Pferdes noch von Ihrer Gewichtshilfe unterstützt und verstärkt!

Es macht in diesem Moment daher viel mehr Sinn, die Gewichtshilfe nach außen/hinten umzulagern, damit Ihr Pferd seine Balance von der inneren Schulter Richtung äußeres Hinterbein  verlagern kann. Nur wenn Ihr Pferd seinen Schwerpunkt von der inneren, also hier rechten Schulter wegnehmen kann, kann die Volte „schön“ werden. Ist diese Balanceverschiebung dank Ihrer Gewichtshilfe gelungen (diese sollte natürlich durch gute Hilfengebung mittels Zügel und- Schenkelhilfe begleitet werden), können Sie vorsichtig wieder die Gewichtshilfe nach innen geben.

Ich halte es also so, dass ich meine Gewichtshilfe immer dahin gebe, wo mein Pferd sie für die Findung seiner Balance in der Übung gerade braucht. So kann es notwendig sein, dass ich auch während einer Übung meine Gewichtshilfe immer wieder neu der Balancesituation meines Pferdes entsprechend geben muss.

Als Beispiel das Reiten von Schulterherein

Nehmen wie an, ich reite Schulterherein rechte Hand. Um das Schulterherein einzuleiten, werde ich zunächst andeuten eine Volte nach rechts reiten zu wollen und werde meine Gewichtshilfe nach rechts geben. In dem Moment, wo ich mein Pferd in Rechtsstellung- und Biegung die Bewegungsrichtung nach links abändern möchte, nehme ich mein Gewicht kurz nach links um meinem Pferd klar zu machen, das es nicht weiter nach rechts wie zu einer Volte gehen soll. Geht mein Pferd nun korrekt im Schulterherein, versuche ich die Bewegung des Pferdes nicht zu stören und sitze mittig. Merke ich dann, dass mein Pferd auf die innere Schulter fällt, gebe ich wieder die Gewichtshilfe nach links. Fällt mein Pferd aber mehr auf die äußere, also linke Schulter, gebe ich die Gewichtshilfe wieder rechts, bis der Ausbruch über die linke Schulter aufhört. So unterstütze ich durch meine Gewichtshilfe die Balancefindung meines Pferdes.

Probieren Sie es doch einfach mal aus!

17. August 2010 von Babette Teschen • Kategorie: Aus dem Reitunterricht 15 Kommentare »

 

15 Reaktionen zu “Die Gewichtshilfe- ja wohin gebe ich sie denn nun korrekterweise?”

 

Von no0815girl • 17. August 2010

Wow, toll erklärt, vor allem das Schulterherein! Ich habe es bisher eigentlich meist nach Gefühl gemacht, aber auch immer so, wie es die Situation gerade erforderte. Allerdings macht mir meine eigene Händigkeit dazu meist noch zu schaffen, mein Pferd und ich haben dieselbe Händigkeit. Auf der schlechten Seite muss ich gefühlsmässig schon fast im Schulterherein sein, um die korrekte Hilfe fürs Biegen zu geben. Zu dem Wissen und Können wie man reiten sollte, kommt nämlich oft noch die Körperbeherrschung dazu, die man braucht, um ein guter Reiter zu sein, sonst kann man weder feine Hilfen, noch korrekte Gewichtshilfen geben. Daran feilt man wohl ein Leben lang :-)
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Ja, da hast Du so was von Recht ;-) !
Liebe Grüße,
Babette

 

Von Tässle.T • 18. August 2010

Liebe Babette!

Dankedankendanke! Das mit den unterschiedlichen Gewichtshilfentheorien hat mich schon immer total verwirrt, so dass ich teilweise dachte, ich mach es eigentlich immer falsch…
Oft genug traue ich mich nicht “gegen” die englische Reitweise zu arbeiten, obwohl ich denke, das wäre nun besser. Danke für Deine Ermutigung “zu rebellieren” und das zu tun, was mein Kleiner braucht!
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Dann berichte mal, wie die Rebellion geklappt hat ;-) ,
liebe Grüße,
Babette

 

Von Susanne • 19. August 2010

Wow Babette
Prima Schritt für Schritt erklärt…das ist wie Zeitlupe…jetzt müsste das nur da oben auch ab und an so langsam denken bei mir….
liebe Grüsse
Susanne
_________________________________________________ :-)
Liebe Grüße,
Babette

 

Von Irmgard • 23. August 2010

Danke Babette, toll erklaert und deutlich. Aber … es hoert sich viel einfacher an als es in Wirklichkeit ist. Wenn man im Sattel sitzt, ist die Situation anders.

Dabei ist es ein grosser Unterschied zu ‘Reiten’, also ein Pferd reiten dass bereits korrekt ausgebildet ist. Oder ein Pferd in ‘Beritt’ zu haben. Und dass ist der Fall wenn das Pferd noch zB schief ist oder die korrekten Hilfen noch nicht kennt. Wenn der Reiter voll ausgebildet ist, ist er dem Pferd eine gigantische Hilfe. Jedoch gibt es viele Reiter (genauso wie ich) die mit ihrem Pferd am Anfang der Ausbildung stehen. Das macht es viel schwieriger und man soll absolut acht darauf geben viel zu Ueben und Geduld zu haben. Ich gehe immer davon aus dass das Pferd will, aber es (von mir) nicht begreift. Ich also noch nicht die korrekte Hilfen gebe. Fuer Reiter die von englisch nach klassisch wechseln wollen (wie ich im Moment): nehme Unterricht, zB von Babette. Euer Pferd wird euch sehr dankbar sein.
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Ja, Unterricht ist unerlässlich! Und wichtig ist, dass der Unterricht und die Hilfengebung dem Können und der Ausbildung von Pferd und Reiter angepasst ist,
liebe Grüße,
Babette

 

Von Angela • 23. August 2010

Schööön beschrieben Babette,

ich bin Westernreiterin und muss sagen, dass ich es von diversen Westerntrainern in Deutschland und USA auch so gelernt habe. Jedoch habe ich auch schon Westernreiter gesehen, die wie du beschreibst das Pferd “schieben”. Ist mir unerklärlich.

Jedoch ebenso bekannt ist mir dass man MAL deutlicher Aussen sitzt beim jungen Pferd und bei Bedarf. Evtl. beim angaloppieren des jungen Pferdes. Ansonsten MIT dem Schwerpunkt des Pferdes, was in der Bewegung z.Teil bedeutet, dass man den Schwerpunkt im Voraus der Bewegung verlagert. Man stelle sich einen Reiter im Spin oder beim Cutting vor der “am Schwerpunkt vorbei” sitzt, huiui……

Mein langzeitigster Trainer hat immer gesagt: “Im Zweifel mittig, da stört man am wenigsten” was mir viel geholfen hat
____________________________________________________________
Das ist ein toller Tipp von Deinem Langzeittrainer :-) !!!
Danke für Deinen Kommentar und liebe Grüße,
Babette

 

Von Catja • 24. August 2010

Mein jetziger RL laesst mich das Gewicht deutlich nach innen verlagern, wenn das Pferd den Zirkel verkleinert. Leicht ist das nicht, denn instinktiv moechte man dann aussen sitzen, wie Du das oben beschreibst. Ich finde im Galopp hat er damit bestimmt recht. Auf der linken Hand (Zwangsseite) kann ich mein Pferd nur biegen und auf dem Zirkel halten, wenn ich mich ganz deutlich nur auf den inneren Buegel stuetze. Im Schritt und im Trab hab ich nicht so viel davon, aber hab doch den Eindruck, dass das Pferd sich etwas leichter stellen laesst, wenn ich mein Gewicht nach innen nehme. Schwierig ist, sich dabei nicht zu verkrampfen ;)

Liebe Gruesse
___________________________________________________________
Ok, hier gilt für mich einer meiner Lieblingssprüche: “Wer heilt hat Recht” ;-)
Liebe Grüße,
Babette

 

Von Chrisi • 15. September 2010

Die seitlichen Gewichtshilfen kann man sich aufgrund physikalischer Gesetze sehr gut erklären, aber wie steht es mit jenen beim Anreiten und Stehenbleiben? Lehne ich mich da nach vor, nach hinten, bleibe ich gerade? Die Physik lehrt mich hier, dass, wenn Pferd stehen bleibt, ich nach vor kippe. Wenn Pferd losgeht, kippe ich nach hinten. Funktioniert das auch umgekehrt? Oder lehne ich mich auch hier dahin, wo ich hin will?
Ich mache zwar ersteres, aber sicher bin ich mir nicht ganz.
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Liebe Chrisi,
ich lehne mich weder vor noch zurück. Ich kippe nur leicht mein Becken so ab, wie es der Begriff “Kreuzanspannen” meint. Wobei dieser Begriff schlecht gewählt ist, weil man dabei eben nicht seine Rückenmuskulatur anspannen darf. Es darf sich nur die unterste Bauchmuskulatur anspannen, die Rückenmuskulatur wird dabei lang/gedehnt. Ich stelle mir dabei vor, wie ich mit meinem weichen Po die Hinterhand des Pferdes unter mich hole.
Liebe Grüße,
Babette

 

Von Claudia • 24. Juli 2011

Liebe Babette!

Super!!!

Liebe Grüße, Claudia!

 

Von Inga • 18. Juni 2012

Ich finde es schwierig herauszubekommen, welche Händigkeit das Pferd hat. Mein Pferd nimmt den linken Zügel nicht an, der hängt auf der linken Hand praktisch durch. Wenn sie freiläuft, schaut sie auf der rechten Hand nach außen (links), während die Hinterhand nach rechts vorbeispurt. Bedeutet das denn, dass sie sich auf die rechte Schulter stützt, also Rechtshänder ist? Warum tritt sie denn dann hinten links kürzer als hinten rechts? Müsste sie denn nicht hinten rechts kürzer treten? Ganz schön kompliziert diese Schiefe! Beim Rechtshänder würde man doch SH auf der rechten Hand und Konterschulterherein auf der linken Hand reiten?
Viele Grüße
Inga

 

Von Rebecca • 8. Mai 2013

Wieder mal ein sehr, sehr nützlicher und hilfreicher Artikel, Babette!
Ich lese eure Beiträge immer wieder total gerne, und habe mir auch schon einige Tipps rausgeholt =)

Macht unbedingt weiter so!!!

lg Rebecca

 

Von Claudia • 27. Juli 2013

Liebe Babette!

Sehr gut!

Liebe Grüße, Claudia!

 

Von Anabel • 16. Dezember 2013

Sehr schön beschrieben ich unterrichte die Gewichtshilfe genauso. Dies wird oft, da es ja nicht nach einer strikten Linie, geht von anderen verurteilt. Ich empfand es immer als richtig und dieser Artikel bestätigt mein Gefühl. Vielen Dank dafür.

 

Von Linda • 16. März 2014

Wahnsinnig gut erklärt! Meine rechtshändige Isi-Stute schafft es auf der rechten Hand nie im Trab um die Kreislinie wenn ich bewusst innen sitze, sie wird sofort schneller oder verspannt und töltet weiter…
Wenn ich sie außen belastend unterstütze bleibt sie in Balance und trabt weiter…
Danke

 

Von Claudia • 16. April 2014

Hallo, sehr guter und verständlicher Artikel! Kleine Anregung einer “nicht-klassisch-Reiterin”

Mein gedankenanstoss stammt aus dem Buch: Irrwege der modernen Dressur- Philip Karl:

Innere gewichtshilfe zum angaloppieren laut engl. Reitweise so gelehrt! Kleines Experiment: nehmen sie einen schweren Koffer in die Linke Hand und traben sie wie ein Pferd das tuen würde! Nun versuchen sie links anzugaloppieren- fussfolge wie es ein Pferd eben tuen würde. Fällt schwer, da das freie vorgreifende Bein durch den schweren Koffer in der Hand stärker belastet wird.

Fazit: vielleicht doch im Gleichgewicht bleiben zum angaloppieren und erst danach innere Hüfte vor wenn es nötig ist für Stellung/ Biegung und Lenkung?!

Satz meines rl: im Zweifelsfall immer im Gleichgewicht sitzen, da stört man das Pferd am wenigsten!! Egal um welche Übung es geht :-)

Gruß claudia

 

Von Tanja • 5. August 2014

Liebe Babette,
man was bin ich froh diese Seite gefunden zu haben. Schon der neue Longenkurs hat mir viel nützliches Wissen gebracht. Ich reite schon so viele Jahre und erst jetzt nachdem ich ein eigenes Pferd habe hinterfrage ich gewisse Dinge die ich jahrelang einfach nur “gemacht” habe und wie jetzt auch aktuell meine Frage zum Thema “Gewichtsverlagerung” – einfach bombastisch erklärt!! Vielen Dank!

 

 

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