Auf dem Weg zu einer feinen Hilfengebung

Wir alle wünschen uns ein Pferd, welches im Laufe seiner Ausbildung lernt, auf immer feinere, von uns gegebene Signale, wunschgemäß zu reagieren. Unser Traumziel ist ein Pferd, welches sich mittels unsichtbaren Hilfen dirigieren lässt, praktisch unsere Gedanken liest. Und aus diesem Wunsch heraus denken sich viele, die zum ersten Mal ein Jungpferd ausbilden: “Wenn ich nie starke Hilfen gebe, erhalte ich ein sensibles Pferd“. So gehen sie dann mit feinen Hilfen an ihr junges Pferd und wundern sich, wenn ihr Pferd nicht so reagiert, wie sie es erwarten.

Die Ursache liegt darin, dass unser Pferd erst lernen muss, auf unsere Hilfen richtig zu reagieren. Klar, wir wissen genau, was wir mit einer Hilfe erreichen wollen, aber unser junges Pferd versteht uns einfach nicht. Und selbst wenn es uns versteht, ist vielleicht die Motivation noch nicht da, auch wirklich auf die Hilfe zu reagieren.

Ein kleiner Ausflug in die Lernmotivation

Jedes Lebewesen tut die Dinge die es tut nur aus zwei Motiven heraus:

  • Entweder um etwas Unangenehmes zu vermeiden
  • oder weil es sich davon etwas Positives verspricht.

Um dem Pferd zu erklären, was wir mit unserer Hilfe sagen wollen, kommen wir manchmal nicht umhin, die Stärke der Hilfengebung zu steigern. Wenn ich die Hilfe steigere bis ich eine Reaktion des Pferdes erhalte, lernt das Pferd korrekt zu reagieren, weil es das unangenehme Steigern der Hilfe vermeiden möchte (negative Verstärkung). Wichtig ist sofort das Pferd sehr zu loben, sobald es ein richtiges Verhalten auf unsere Hilfe zeigt (positive Verstärkung).

Ich habe das Steigern der Hilfengebung in dem Blogbeitrag Einsatz der Gerte erklärt. Die Hilfenstärke steigert sich auf einer Skala von 1 – 10. Wir fangen an bei Stufe 1 = ganz leichte Hilfe (Energie, inneres Bild) und können die Hilfengebung steigern bis auf Stufe 10 = eine sehr starke Hilfengebung, die ich ohne Qual für das Pferd geben kann.

Wenn ich meine Hilfen korrekt steigere, lernt das Pferd in der Regel sehr schnell, auf feine Signale zu reagieren – das aber nur dann, wenn der Mensch auch wirklich in seiner Hilfengebung feiner wird und jedes gute Reagieren mit Lob positiv verstärkt!

Achtung: Fehlerquelle!

Und hier komme ich zu dem Punkt, um den es mir heute in diesem Beitrag geht. Denn hier liegt eine häufige Fehlerquelle von uns Menschen, die ich während meines Unterrichtes oder auf Kursen immer wieder beobachte: Der Mensch gibt die Hilfe an sein Pferd nicht zu Beginn mit der Stärke der Stufe 1, sondern fängt die Intensität seiner Hilfe gleich mit z.B. Stufe 3, oder vielleicht gar Stufe 5-6 an.

Woran liegt das?

Auch der Mensch hat sein Lernmuster. Der Mensch steigert die Stärke seiner Hilfe bis an den Punkt, an dem das Pferd auf die Hilfe reagiert. Nun speichert der Mensch für sich ab: „Aha, so stark braucht mein Pferd die Hilfe, bis es reagiert“ und gibt das nächste Mal die Hilfe gleich in dieser Intensität.

Somit hat sein Pferd keine Chance auf eine feinere Hilfe zu reagieren! Die Folge ist die Gewöhnung beider Parteien an diese Hilfenstärke. Der Weg zu den feineren Hilfen ist verschlossen.

Trainieren Sie Ihr Bewusstsein in Bezug auf Ihre Hilfengebung

Wenn Sie mögen, lassen Sie mich Ihnen eine Hausaufgabe für die nächsten Einheiten mit Ihrem Pferd aufgeben: Bitte spüren Sie die nächste Zeit (oder besser immer ;-) ) ganz besonders hier hin und das unabhängig davon, ob es sich um die Schenkelhilfen, Zügelhilfen, Lautstärke der Stimmhilfen oder eine andere Hilfe handelt.

  • Haben Sie wirklich mit der kleinsten möglichen Hilfe begonnen (geflüstert)?
  • Haben Sie die Gerte wirklich erst nur ganz leicht angetippt oder hat es gleich mit einer gewohnten Stärke „Klatsch“ gemacht?
  • Haben Sie wirklich erst ganz leicht am Zügel geklingelt oder gleich die Hand „zugemacht“?
  • Haben Sie vielleicht die Stufe 1 vergessen, die bei mir beinhaltet: “Habe das innere Bild der gewünschten Reaktion vor Augen und baue innerlich die Energie dafür auf, die dafür notwendig ist.”

Wahrscheinlich werden auch Sie sich dabei ertappen, wie Sie aus der Gewohnheit und Ihrer Erfahrung heraus schon mit einer stärkeren Hilfengebung begonnen haben, als es eigentlich richtig wäre, um Ihr Pferd auf immer feinere Hilfen zu sensibilisieren.

Denken Sie immer daran: Der Weg zu einem feinen und hochsensiblen Pferd führt über das Verfeinern der eigenen Hilfengebung!

17. November 2009 von Babette Teschen • Kategorie: Umgang 10 Kommentare »

 

10 Reaktionen zu “Auf dem Weg zu einer feinen Hilfengebung”

 

Von Nicole • 17. November 2009

Liebe Babette,

tolles Thema, welches du dir da rausgegriffen hast und du hast es mal wieder so schön verständlich erklärt. Was mir dabei aber sofort in den Sinn kam, ist die Situation eines zu sensiblen Pferdes, ein Pferd, welches mit einem Male auf jegliches Tun meinerseits reagiert…wie erkläre ich dem Pferd nur dann zu reagieren, wenn es auch soll und dann auch nicht überreagiert oder schon erahnt was kommen soll und übereifrig die Lektionen ausführt. Hm…schon gut ich kenn die Antwort ja selbst…wieder zurück und das weniger tun loben? Puh ein ganz schön komplizierter und anstrengender Weg zur guten Kommunikation mit dem Pferd! Aber ich freue mich auf den Moment, wenn es dann wirklich mal klappt mit der Gedankenübertragung!
Liebe grüße
Nicole
__________________________________________________________ ;-)
Wohl Wahr! Es ist kein leichter Weg! Aber sooooo schön!
Alles Liebe,
Babette

 

Von Beate • 18. November 2009

… und wieder was für den Vokabelmerkzettel an der Schranktür:
Stufe 1: Idealzustand vorstellen!!!!!!!
Ich vergess das leider noch zu oft.
Danke fürs erinnern!
__________________________________________________
Gerne :-D !!!
Liebe Grüße,
Babette

 

Von Silvia • 18. November 2009

Hallo
Mir wurde mal beigebracht, unter dem Namen der “klassischen Reiterei”, das ich eine Hilfe nur einmal nett und freundlich gebe. Wenn keine Reaktion kommt, dann wird das ganz recht schnell unfreundlich. Die Begründung war, dass wenn ich ständig die Bitte wiederhole, das Pferd abstumpft und nicht mehr reagieren würde. Es soll ja auf die erste Hilfe reagieren.
Diese starke Ausprägung fand ich allerdings auch nie so toll und bin schon der Meinung, das man auch ein paar mehr Stufen ausprobieren sollte, bevor man dann z.B. die Gerte einsetzt.
Allerdings gibt es auch viele Reiter, die immer auf mittlerer Stufe, sagen wir mal 4-5, die Hilfen geben. Sie gehen nicht hoch und nicht runter und wiederholen das ganze zwanzig Mal. Das ist natürlich auch nicht Sinn des ganzen. So stumpft das Pferd wirklich ab.
Es ist wirklich sehr schwierig, den richtigen Weg zu finden. Zumal da auch jedes Pferd wieder anders ist.

Liebe Grüße,
Silvia
_____________________________________________________
Liebe Silvia,
wohl wahr! Im nächsten Beitrag schreibe ich da noch mehr zu,
liebe Grüße,
Babette

 

Von Elke Bärthel • 23. November 2009

Liebe Babette,
vielen Dank für diesen Kommentar! Genau diesen wunderbaren Hinweis brauche ich zur Zeit. Beate hat recht: Einen Zettel an die Stalltür mit dem Hinweis “Idealzustand vorstellen”. Man ist aber manchmal wirklich wie “eingeklemmt”. Am Boden flüstere ich erfolgreich mir meinem Pharo, ab heute tue ich das auch “von oben”.
Vielen Dank für’s wachrütteln.
Wiehernde Grüße
Elke
_________________________________________________ :-D !!!

 

Von Dagi • 23. November 2009

Hach, es ist einfach soo super, wie du immer wieder so klar begreiflich etwas erklären kannst. Ich habe das mit meinem Pferdchen immer wieder fleissig geübt. Und manchmal muss ich die Hilfen wirklich fast nur denken. Jetzt kommt das grosse : Aaaaber…. Ich reite ja meist im Gelände. Und da gibt es schon mal Sachen wo, gerade das Anhalten, er einfach mal gerne überhört. Und wenn das vor einer Strasse ist oder sonst was gefährliches muss ich dann doch deutlicher werden. Ganz offen gesprochen, auch am Zügel ziehen “schäm”. Okay, ich reite ihn gebissloss meist, aber trotzdem bin ich nicht zufrieden. Mal ehrlich, kennst du das auch, oder halten deine Pferde immer und in jeder Situation ganz fein?
_______________________________________________________________________
Ganz ehrlich?
Nein! Auch meine Pferde können unsensibel bis in die letzte Faser sein… Letztens bin ich seit längerer Zeit endlich mal wieder mit Tania ausgeritten. Beim Galopp hatte ich alle Hände voll zu tun, ansonsten wäre mein Pferd mit mir auf und davon gewesen…
Liebe Grüße,
Babette

 

Von Esther • 23. November 2009

So wie beschrieben halte ich es eigentlich immer:
ganz nach dem Motto: “Klingeln, klopfen, Tür eintreten”
_________________________________________________
PUH!
“Tür eintreten” hört sich aber nicht danach an was ich hier vermitteln wollte… :-( !
Dazu schreibe ich mehr im folgenden Beitrag,
liebe Grüße,
Babette

 

Von Astrid • 23. November 2009

Hallo Babette,
Dein/Euer Newsletter ist für mich wie eine exzellente Massage, Du triffst immer die richtigen “Schmerzpunkte” :) !
An der immer feineren Hilfengebung übe ich schon fast ein Jahrzehnt. Mein Pferd kaufte ich aus einem Schulbetrieb, in dem sie entweder total dicht machte oder austickte und ich selbst lange nicht in der Lage war, die Hilfen fein und korrekt zu geben. Und ehrlich, auch froh war :) , dass sie nicht so schnell und fein reagierte, denn das erfordert auch die entsprechend schnelle Reaktion des Reiters, wenn’s dann klappt! Ganz wichtig war/ist für mich, dass zur Umsetzung einer feinen Hilfengebung auch ein zügelunabhängiger und ausbalancierter Sitz gehört, und den lernt man leider nicht so schnell und schon gar nicht, wenn man vorher zur Kategorie der Klammeraffen gehörte ….:) Und die Erkenntnis, dass man auf die Reaktion seines Pferdes auch mal ein paar Sekunden warten muss, ehe man verstärkt!!! Das wird dann ein spannender Dialog :) .
Danke, für die Erinnerung mal wieder mehr darauf zu achten!
Liebe Grüße
Astrid
________________________________________________
Herzlich gerne!
Liebe Grüße,
Babette

 

Von Sigrun • 24. November 2009

Ja, ja, ja und nochmal ja. Komme erst heute dazu, den Newsletter zu lesen … Genau das habe ich in meinem letzten Kurs gelernt, auf einem wirklich unmotivierten Pferd, das a) keine große Lust auf Bahnarbeit hat und b) durch längere Blockaden auch erfahren hat, dass es sich sowieso nicht lohnt, sich anzustrengen, weil’s eben nicht geht. Inzwischen müsste es aber körperlich gehen.

In der ersten Einheit lief der RL noch mit der langen Peitsche hinter mir her, in der letzten, der vierten, reichte schon ein erhöhtes Energielevel beim Leichttraben, damit er fleißiger wurde! Und das war nur möglich, weil ich gelernt habe, bei jedem Hilfeneinsatz davon auszugehen, dass die leiseste Hilfe helfen wird, dass er mich verstehen und reagieren wird. Und ihn entsprechend auch dafür belohnt habe. Mit diesem Lob (anfangs Stehenbleiben für ein gutes Zulegen auf der offenen Zirkelseite) ging es dann ganz schnell weiter – am Ende hatte ich ein Pferd, das brav seine Zirkelrunden zog und man konnte anfangen, ans Reiten zu denken und nicht nur ans Treiben. Mit Dauerdruck wäre an diesen Erfolg gar nicht zu denken gewesen.
____________________________________________________
Prima!!!
Liebe Grüße,
Babette

 

Von ulli • 26. November 2009

guten morgen!

eine freundin hat mich auf deine seite aufmerksam gemacht – wir arbeiten unser pferd beide nach wolfgang marlie und freuen uns, daß auch du diese die reiterwelt bereicherst!
besonders die hilfengebung ist mir sehr vertraut und ich hoffe, du kannst viele reiter davon überzeugen.

ulli
_________________________________________________
Liebe Ulli,
wir geben uns alle Mühe ;-) !!!
Liebe Grüße,
Babette

 

Von Anja • 29. November 2009

Hallo Babette,
Mir ist heute etwas sehr lustiges passiert (dass ich indirekt diesem Artikel zu verdanken habe..;-)
Als ich diesen gelesen hatte, war ich zuerst der Meinung, dass ich das eigentlich immer (zumindest versuche..;-)so zu machen, wie du das beschreibst. Nach einigem überlegen, habe ich dann gemerkt, dass es davon doch einige Ausnahmen gibt. z.b gebe ich die Hilfen zum angaloppieren aus dem Schritt immer von Anfang an recht deutlich, da ich wohl irgendwie das Gefühl habe, dass es dafür sehr viel Energie braucht.. Also habe ich mir vorgenommen dies zu ändern und es gleich am nächsten Tag viel feiner versucht, was dann auch wirklich erstaunlich gut geklappt hat :-) , worauf ich nach einer halben runde angehalten habe: gelobt, gekrault, Leckerli,dann das ganze noch 2 mal wiederholt und die Lektion sehr zufrieden beendet…
Heute nun ist mein Pferd sofort auf minimale Hilfen wunderschön angaloppiert, hat dann aber nach exakt einer halben Runde so einen Fullstop gerissen, dass ich fast vom Pferd geflogen wäre. ;-) Ich war so perplex und musste lachen, dass ich einfach erst mal gar nicht reagiert habe, worauf mein Pferdchen dann (wohl in der Meinung ich hätte ihren schönen Galopp nicht mitbekommen/ bzw. nicht genügend gewürdigt ;-) einfach nochmals (aus dem stand!) wunderschön gesetzt angaloppiert ist, nach einigen Metern wieder angehalten, den Kopf gedreht und mich mit grossen Augen angeschaut hat. Naja, ich konnte dann nicht anders, als ihr das Leckerli trotzdem zu geben ;-)
Deine Artikel sind alle immer super und ich lese sie regelmässig in der 10 uhr-pause :-D
Grüss alle Pferde (& Lena & alle anderen Menschen ;-) ganz lieb von mir!
Anja
_____________________________________________________
Hi Anja,
ich freue mich sehr von Dir zu lesen :-D !!!
Und Dein Erlebnis ist herrliche :-D :-D :-D !
Zu schön!
Sei gedrückt, auch von Lena
Babette

 

 

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