Reiten erfordert, Verantwortung zu übernehmen

Ich möchte heute ein unbequemes Thema ansprechen: und zwar geht es um die Verantwortung, die wir übernehmen, wenn wir reiten oder auf eine andere Art mit einem Pferd arbeiten. Für mich steht fest: Wenn wir uns die Freiheit und das Recht herausnehmen, uns auf ein Pferd zu setzen, haben wir die Verantwortung, dem Pferd dadurch keinen Schaden zuzufügen.

Das Pferd ist von Natur aus ein Lauf- und kein Lasttier. Damit wir dem Pferd durch „Zweckentfremdung“ keinen Schaden be-reiten (im wahrsten Sinne des Wortes), müssen wir dem Pferd beibringen, sich unter uns anders zu bewegen, als es das auf der Weide ohne uns tun würde. So läuft ein Pferd von Natur aus auf der Vorhand und es ist von Natur aus schief. Wenn wir dem Pferd unter uns nicht vermitteln können, mit der Hinterhand Last aufzunehmen, sich gerade gerichtet zu bewegen und dadurch seinen Rücken aufzuwölben, wird das Pferd uns nicht auf Dauer tragen können, ohne einen Schaden dadurch zu erleiden.

Wussten Sie, dass das Durchschnittsalter eines Pferdes bei nur 7 Jahren liegt, und das, obwohl Pferde gut und gerne 30 Jahre und älter werden können? Diese Zahl gibt doch zu denken! Fakt ist: Eine große Anzahl Pferde werden durch uns Menschen krank, unreitbar und treten durch unsere Schuld verfrüht die Reise auf die immergrüne Weide an.

Das ist in meinen Augen unverantwortlich. Ändern können wir daran nur dann etwas, wenn wir Reiter/innen anfangen, uns so zu schulen und weiterzubilden, dass wir die Gesundheit eines Lebewesens nicht für die Befriedigung unseres Spaßbedürfnisses opfern.

Aus diesem Grund sollten verantwortungsvolle Reiter/innen meiner Ansicht nach:

  • Ihre reiterlichen Fähigkeiten durch regelmäßigen, guten Unterricht ausbauen.
  • Die Skala der Ausbildung verstanden haben und wissen, wie die einzelnen Schritte zu erreichen sind.
  • Gute, möglichst auch verschiedene Reitlehren gelesen haben.
  • Über ein Grundlagenwissen von Anatomie, Physiologie und Biomechanik verfügen.
  • Über gesundes Aufwärmen, Belasten und Abkühlen im Training Bescheid wissen.
  • Sich genau klarmachen, welche Hilfsmittel sie aus welchen Gründen verwenden und sich absichern, dass sie durch den Einsatz dieser Hilfsmittel dem Pferd keinen Schaden zufügen (hier denke ich ganz besonders an den Einsatz von Hilfszügeln, sehe ich doch leider immer wieder Pferde, die damit hinter die Senkrechte gearbeitet werden…)
  • Großen Wert auf eine gute und passende Ausrüstung legen und diese auch immer wieder darauf überprüfen, ob sie noch passt oder ausgebessert bzw. ersetzt werden muss.
  • Die wichtigsten Stresspunkte kennen und regelmäßig abfühlen (Stresspunkte sind Stellen in der Muskulatur, die schmerzhaft reagieren wenn der betroffene Muskel verspannt ist).
  • In der Lage sein, Krankheitssymptome zu erkennen.
  • Einen 1.-Hilfe-Kurs für Pferde besucht haben.

Wem das alles zu aufwendig und lästig ist, sollte sich ernsthaft überlegen, sich ein anderes Hobby zu suchen. Es ist nicht damit getan, sich einfach nur auf ein Pferd zu setzen und sich durch die Gegend tragen zu lassen, denn wer mit einem Pferd arbeitet (also es reitet, longiert, an der Hand arbeitet o.ä.), wird damit zum Sporttrainer und Physiotherapeut für sein Pferd (ob er will oder nicht). Und überlegen Sie einmal: Würden Sie Ihr Kind einem Sportlehrer oder einer Physiotherapeutin anvertrauen, der/die inkompetent ist?

3. Juli 2008 von Babette Teschen • Kategorie: Sonstiges 7 Kommentare »

 

7 Reaktionen zu “Reiten erfordert, Verantwortung zu übernehmen”

 

Von Sarah • 3. Juli 2008

Ach herrje, da triffst du aber einen wunden Punkt. :-( Immerhin ist das der Grund, warum ich Nandi seit *rechne* 1,5 Jahren nicht mehr reite. Das macht mein Pflegemädel sehr schön, die eben deutlich leichter ist als ich. Gar nicht so leicht, sich dazu durchzuringen, das weltallerniedlichste Pony nicht mehr zu reiten…aber uns fällt ja genug anderer Quatsch ein ;-)
___________________________________________
Liebe Sarah,
ich kenne nicht viele Menschen die ein Pferd behalten würden, dass Ihnen zu klein geworden ist und somit seine “Funktion” als Sport-und Spaßgerät nicht mehr leisten kann.
DAS ist für mich LIEBE!
Und auch wenn ich gut verstehen kann das Du traurig bist, Nandi nicht reiten zu können (wer wäre das nicht?) gibt es zum Glück ja wirklich so viel anderes, was man zusammen machen kann. Ein positiv Beispiel für so eine Beziehung ist für mich Bea Borelle mit ihrem Pony Ben. Wenn man sieht wieviel Spaß die zwei zusammen haben, wer muss da noch reiten?
Alles Liebe, Babette

 

Von Sarah • 4. Juli 2008

Ja, die zwei beiden sind auch mein “Vorbild” was das angeht ;-)

 

Von Anja • 7. Juli 2008

Hallo Babette,
dieser Artikel spricht mir aus dem Herzen und ich arbeite mit meinem Pferd genau nach dieser Philosophie. Mein Reitlehrer verinnerlichte bei mir den Begriff “das Pferd gesund reiten”, immer die Pferde der Wiener Hofreitschule im Hinterkopf, die in hohem Alter durch konsequente Gymnastizierung noch so fit sind und Spaß an der Arbeit haben.

Nur eine Frage habe ich: Wo finde ich die von Dir angesprochenen Stresspunkte? Danke für eine kurze Erklärung.
Viele Grüße,
Anja
_________________________________________
Liebe Anja,
solche Reitlehrer braucht die Pferdewelt!
Es gibt eine DVD von Claus Teslau, “Muskeltherapie bei Pferden” und verschiedene Bücher zu diesem Thema. Und wenn Du es nicht brannteilig hast- bald findest Du hier einen Blogbeitrag mit den wichtigsten Punkten :-)
lieben Gruß, Babette

 

Von Martina • 7. Juli 2008

Hallo Babette! Ich lese seit einiger Zeit euren Newsletter und mir brennt ein Frage auf der Seele die zu stellen ich bisher nicht den Platz gefunden habe. Ich habe vor 2 1/2 Jahren einen 7 – jährigen Andalusier geschenkt bekommen, weil die Vorbesitzerin ihn nicht mehr behalten konnte, er hatte sich in einer Führanlage beide vorderen Sehnen verletzt. Jetzt steht er seit er mir gehört auf der Weide im Offenstall und wird nicht geritten. Da ich selbst krank war fehlte mir die Kraft und ich hatte auch Ängste, da ich lange nicht mehr im Sattel gesessen habe. Jetzt war ich zur Reha, habe dort auch auf einem Leihpferd das reiten im Gelände wieder ausprobiert und meine Ängste sind weniger. Ich würde gerne mit meinem Pferd auch anfangen zu arbeiten weiß aber gar nicht wie ich am besten anfangen kann. Kann ich ihn nach dieser langen Zeit überhaupt reiten vielleicht erst mal kurz und im Schritt? Hast Du vielleicht einen Tipp für mich wie ich am besten vorgehe? Meine finanziellen Möglichkeiten sind allerdings zur Zeit aufgrund der Krankheit sehr begrenzt. Das ist ganz schön verzwickt, aber ich möchte ihn so gern behalten und nicht bloß rumstehen lassen. Ganz liebe Grüße Martina
____________________________________________
Liebe Martina,
dazu, ob Dein Pferd geritten werden darf, kann ich leider aus der Ferne nichts sagen. Das müsstest Du am besten einen Tierarzt fragen der Dein Pferd gesehen hat. Grundsätzlich solltest Du Dein Pferd zuerst ohne Dein Gewicht antrainieren. Dazu eignet sich die klassische Bodenarbeit, die Arbeit am langen Zügel und, wenn der Tierarzt wegen der Sehnen das o.k. dazu gibt, Longenarbeit. Und man kann ja noch sooo viel mehr machen ausser zu Reiten. Bring ihm doch ein paar Spielereien und zirzensische Lektionen bei, mache Spaziergänge…Dein Pferd muss nicht nur rumstehen :-) . Ich hoffe, Du findest bei uns schon ein paar Anregungen,
alles Gute für Euch! Babette

 

Von Annette • 13. Juli 2008

Hallo Babette,
ich freue mich jeden Montag auf den neuen newsletter. Ganz tolle Idee so etwas und sehr wertvolle Anregungen!

Erst mit über 40 J. habe ich mir den Traum vom Reiten und eigenen Pferd ( etwas blauäugig) erfüllt.

3 Jahre bin ich mit meinem Pferd fast nur spazieren gegangen, weil ich keinen passenden Sattel fand und auch, weil ich als Anfängerin unter Ängsten litt. Da kamen manchmal komische Reaktionen von Leuten: Ob das Pferd krank sei oder ähnliches.
Man wird fast schräg angeschaut, wenn man nicht reitet. Mich haben die “Sprüche” der anderen aber nicht gestört.

Dafür habe ich mich im NH schlau gemacht, viel Bodenarbeit gemacht, das Verhältnis zu meiner Hafistute dadurch gefestigt und meine Ängste verloren. Im nachhinein bin ich froh, dass ich mehr oder weniger gezwungen war, am Boden zu bleiben.

Eure “Adresse” habe ich von der Trekker Sattelseite (hoffe, dass diese Schleichwerbung sein darf ;-) ). Dort habe ich endlich einen passenden Sattel gefunden. Seit dem habe ich jede Woche eine Reitstunde nach Sally Swift und langsam stellen sich Fortschritte ein.

Mein Pferd ist mir wahnsinnig wertvoll und ich möchte ihr nicht schaden. Es ist sehr schwierig, immer genau zu spüren, ob alles in Ordnung ist.

Daher werde ich mich über die “Stresspunkte” informieren. Pferde leiden meistens stumm und ich finde es gut, wenn ich selber die Möglichkeit habe, zu testen, ob sie irgendwo Schmerzen hat.

Auch Zirkuslektionen würden mich interessieren, da ich nach wie vor gerne am Boden arbeite und meine Stute daran sichtlich Spass hat.
Hast du einen Buchtip oder sollte ich einen Kurs belegen?

Viele Grüsse aus der Schweiz von Annette
____________________________________________
Liebe Anette,
ich finde Deine Einstellung wunderbar!
Zu Deiner Frage: Ich möchte Dir dringend zu einem Kursbesuch raten. Genauso wie man zum Erlernen des Reitens einen kompetenten Lehrer zu Hilfe ziehen sollte, so gilt dasselbe für mich auch für Bodenarbeit inkl. Zirkuslektionen. Dennoch gebe ich Dir gerne die zwei Buchempfehlungen: Eva Wiemers, “Zirzensische Lektionen Band II” und “Bea Borelles Zirkusschule”. Beide Bücher findest Du auf unserer Seite bei den Buchtipps besprochen :-) .
Ich wünsche Dir viel Spaß mit Deiner Stute und natürlich auf unserer Seite,
liebe Grüße in die Schweiz, Babette

 

Von maexchen • 19. November 2012

ein toller Beitrag. Ein dickes DANKE!!!!!!!!!!!!!! Reiten ist eben ein lebenslanges Lernen.

 

Von Chris • 19. November 2012

Hallo Babette,

du meine Güte, das Durchschnittsalter der Pferde liegt bei sieben Jahren? In diesem Alter werden bei uns im Schulbetrieb die Pferde erst mal “richtig” eingesetzt. Also mit Longenunterricht usw. Wir haben drei Schulpferde über 23 Jahren und die sind so gesund, dass sie noch gerne im Unterricht mitgehen. Das Durchschnittsalter der Schulpferde liegt bei 11/12 Jahren. Was tun die Menschen denn bitte ihren Pferden an, dass sie mit sieben “kaputt” sind, wenn doch eigentlich Schulbetrieb so schrecklich ist, wie viele immer sagen… Ich bin wirklich geschockt!
LG Chris

 

 

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